https://www.faz.net/-gq5-6rpq3

Libyen : Massengrab in Tripolis - Offensive von Gaddafi-Truppen

  • Aktualisiert am

Bild: reuters

Gaddafi-Kämpfer haben am Sonntag offenbar von Algerien aus eine libysche Grenzstadt angegriffen und sechs Menschen getötet. Unterdessen wurde ein Massengrab in Tripolis entdeckt, die Belagerung Sirtes wurde verstärkt.

          2 Min.

          In Libyen wächst die Angst vor einem langen Untergrundkrieg: Kämpfer des früheren Machthabers Muammar Gaddafi griffen nach Angaben des Übergangsrats vom Sonntag von Algerien aus den libyschen Ort Ghadamis nahe der Grenze an und töteten sechs Menschen. Der grenzüberschreitende Angriff gilt als Zeichen, dass es Gaddafi-Truppen gelungen sein könnte, sich nach der Flucht neu zu formieren und einen langwierigen Untergrundkrieg in Libyen zu führen.

          In Tripolis wurde unterdessen ein grausiger Fund aus der langjährigen Herrschaft Gaddafis bekanntgegeben: In der Nähe eines Gefängnisses in der Hauptstadt seien die sterblichen Überreste von 1.270 Häftlingen gefunden worden, sagte der Leiter des Ausschusses der neuen Regierung zur Suche nach Opfern der Herrschaft Gaddafis, Ibrahim Abu Sahima. In dem Gefängnis Abu Salim hatte es am 26. Juni 1996 ein Massaker gegeben, nachdem Häftlinge gegen die Haftbedingungen protestiert hatten. Sahima sagte, der Übergangsrat werde um internationale Hilfe bei der Identifizierung der Toten bitten.

          Nach einer fehlgeschlagenen Offensive in Sirte haben die Truppen der neuen libyschen Führung den Belagerungsring um die Heimatstadt Gaddafis verstärkt. Sie stellten am Sonntag neue Straßensperren und Kontrollpunkte auf. Auch Scharfschützen wurden an wichtigen Stellen positioniert. Ein neuer Angriff sei vorerst nicht geplant, hieß es. NATO-Kampfflugzeuge flogen ungewöhnlich schwere Angriffe auf Ziele in Sirte.

          Abermaliger Vorstoß auf Sirte, eine der letzten Bastionen Gaddafis
          Abermaliger Vorstoß auf Sirte, eine der letzten Bastionen Gaddafis : Bild: dapd

          Dramatisierung in Sirte

          Dutzende Flüchtlinge sprachen bereits am Samstag von immer dramatischeren Zuständen in Sirte. Ganze Familien versteckten sich in Kellern und viele Kinder litten wegen des Mangels an sauberem Wasser an Durchfall, sagten sie. Nach Angaben von Soldaten der neuen libyschen Führung haben im Laufe der vergangenen Woche mehr als 1.300 Familien die Stadt verlassen.

          Bei ihrer Offensive gegen die Gaddafi-Anhänger hatten die Revolutionsstreitkräfte am Samstag gegenüber Gaddafis Männer abermals nicht die Oberhand gewinnen können. Sieben Kämpfer wurden in den erbittert geführten Straßenkämpfen getötet, bei denen die früheren Rebellen zunächst bis an den Rand des Zentrums von Sirte vordrangen, mindestens 150 wurden verletzt. Explosionen erschütterten die Stadt, über den Straßen stieg Rauch auf. Es war seit einer Woche der erste größere Vorstoß auf Sirte, eine von drei verbliebenen Bastionen Gaddafis.

          Aischa Gaddafi beschimpft neue Führer als Verräter

          In einer am Freitag veröffentlichten Audiobotschaft bezeichnete Gaddafis Tochter Aischa die neuen Führer des Landes als Verräter. In ihrer ersten Nachricht seit dem Fall der Hauptstadt Tripolis vor einem Monat erklärte sie, einige von ihnen hätten dem Gaddafi-Regime angehört, bevor sie im Bürgerkrieg übergelaufen seien.

          „Ich versichere Ihnen, es geht ihm gut, er ist gläubig und guten Mutes, trägt seine Waffe und kämpft Seite an Seite mit den Kriegern“, sagte Aischa Gaddafi über ihren Vater. Die vierminütige Botschaft wurde von dem in Syrien ansässigen Fernsehsender Al-Rai ausgestrahlt, dem inzwischen wichtigsten Sprachrohr Gaddafis.

          Der Nationale Übergangsrat kündigte unterdessen an, in der kommenden Woche eine Interimsregierung für Libyen zu benennen. Das sagte der Ratsvorsitzende Mustafa Abdul Dschalil am Samstag nach seiner Rückkehr von der UN-Vollversammlung in New York. Die Besetzung des Kabinetts war vergangene Woche unter anderem an Differenzen darüber gescheitert, welche Städte in der Regierung vertreten sein sollten.

          Topmeldungen

          Astra-Zeneca-Ablehnung : Zweifel macht wählerisch

          Der Astra-Zeneca-Impfstoff wird für Menschen über 60 empfohlen. Doch die wollen ihn oft nicht haben und bemühen sich lieber um Impfstoffe von Biontech oder Moderna. Haben die Jüngeren deshalb das Nachsehen?
          Boris Johnson am Mittwoch im Unterhaus

          Johnsons Pläne : Kommt die Covid-Pille?

          Der britische Premierminister will den Bürgern mit Hilfe von Impfpässen das Reisen erleichtern. Von Herbst an soll es darüber hinaus eine Pille gegen die Covid-Infektion geben.
          Hochhäuser in Frankfurt: Der Blick auf die Bankentürme ist positiv, der auf die Zinsen äußerst negativ.

          Ausweichmanöver : Wie Sparer den Negativzinsen entkommen

          Wenn ihre Bank Negativzinsen einführt, reagieren Kunden sehr unterschiedlich: Die Spanne reicht von Ertragen über Flüchten bis zu allerhand Tricks.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.