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Freispruch für Kardinal Pell : Zweifel an sexuellem Missbrauch

Kardinal Pell nach seiner Haftentlassung Bild: EPA

Das oberste australische Gericht hat Kardinal George Pell überraschend vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs freigesprochen. Missbrauchsopfer reagieren entsetzt. Unterstützer Pells begrüßen das Urteil als Ende einer Hexenjagd.

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          400 Tage saß Kardinal George Pell in einem Hochsicherheitstrakt in Haft. Jetzt befand das Oberste australische Gericht, es gebe eine „signifikante Möglichkeit“, dass Pell unschuldig sei und hob seine Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs zweier Chorknaben auf. Missbrauchsopfer sind entsetzt.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Als Kardinal George Pell aus dem Gefängnis gefahren wurde, sah man auf den Fernsehbildern durch das Autofenster nicht viel mehr als einen Schatten. Der einst mächtigste Mann der australischen katholischen  Kirche, groß gewachsen und mit imposanter Figur, ist seit Beginn des Prozesses äußerlich stark gealtert. Mehr als 400 Tage lang hat George Pell im Hochsicherheitstrakt verbracht. Dabei hatte er stets seine Unschuld beteuert. Nun ist der Kardinal überraschend freigekommen. Das oberste Gericht des Landes hat am Dienstag der Berufung des 78 Jahre alten ehemaligen Präfekten des Wirtschaftssekretariats im Vatikan stattgegeben. Das Urteil, unter dem Pell zu sechs Jahren Haft verurteilt worden war, von denen er mindestens drei Jahre und acht Monate absitzen sollte, ist damit aufgehoben. Statt frühestens im Oktober 2022, wurde er nun schon am Dienstag aus dem Barwon-Gefängnis in Melbourne entlassen. 

          Als Kardinal war Pell war der höchste katholische Würdenträger, der jemals wegen des sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt worden war. Er sollte in den neunziger Jahren in der Kathedrale von Melbourne zwei Chorknaben sexuell missbraucht haben. In einer ersten Reaktion bezeichnete Pell die Entscheidung des Gerichts als Heilmittel gegen die „Ungerechtigkeit“, die ihm widerfahren sei. Jedoch gab er an, er hege keinen Groll gegen den Belastungszeugen und wolle nicht, dass sein Freispruch zum Schmerz und zur Bitterkeit beitrügen, die so viele Missbrauchsopfer fühlten. Aber sein Prozess dürfe auch nicht als Referendum über die katholische Kirche oder über den Umgang der australischen Kirchenbehörden mit Pädophilie gesehen werden. „Es ging darum, ob ich diese schrecklichen Verbrechen begangen hatte, und das habe ich nicht“, sagte Pell.

          „Kein Vertrauen mehr in das Justizsystem“

          Tatsächlich hat der Freispruch in Australien viele vor den Kopf gestoßen. Der Vater eines der Chorknaben, der im Jahr 2014 an einer Überdosis gestorben war, befand sich laut seiner Anwälte unter Schock. „Er sagt, er habe kein Vertrauen mehr in das Justizsystem unseres Landes“, teilte seine Kanzlei mit. Viele Missbrauchsopfer reagierten mit Entsetzen, weil ihrer Meinung nach ein verurteilter Kinderschänder freigekommen ist, der in seinen Machtpositionen außerdem dafür gesorgt habe, dass der Missbrauch anderer über Jahrzehnte vertuscht worden sei. Der harte Kern der Unterstützer, die Pell über Jahre die Treue gehalten hatten und in dem Prozess eine Hexenjagd sahen, sehen sich dagegen bestätigt. Sie waren der Meinung, Pell sollte zum Sündenbock für das Versagen der Kirche bei der Aufarbeitung von Fällen des sexuellen Missbrauchs gemacht werden. 

          Für manche Katholiken dürfte es nicht unerheblich sein, dass der Freispruch ausgerechnet in der Karwoche erfolgt ist. Der Vatikan begrüßte den Freispruch. Pell habe stets seine Unschuld beteuert und darauf gewartet, dass die Wahrheit ans Licht komme, heißt es in einer Erklärung des vatikanischen Presseamtes. 

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