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Gesundheitssystem überfordert : „Wie Lämmer zur Schlachtbank“

Boris Johnson in einem medizinischen Labor in der Nähe von Bedford Bild: Reuters

Der Nationale Gesundheitsdienst hat für viele Briten fast religiöse Bedeutung. Doch das Coronavirus zeigt dessen Probleme gnadenlos auf. Ärzte beschreiben den Zustand in drastischen Worten.

          3 Min.

          Als Boris Johnson am Donnerstag milde Corona-Symptome entwickelte, ließ er sich auf das Virus testen und erhielt das – positive – Ergebnis am nächsten Tag. Ähnlich hatte es zwei Tage zuvor Kronprinz Charles gemacht, der ebenfalls unter dem Virus leidet.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Was wie ein ganz normaler Vorgang wirkt, gleicht im Vereinigten Königreich einer Vorzugsbehandlung. Die wenigsten können sich einfach so testen lassen. Der Nationale Gesundheitsdienst (NHS) nimmt trotz großer Anstrengungen nur 6000 Tests pro Tag vor – und in deren Genuss kommen fast ausnahmslos Patienten, die mit schweren Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert wurden. In Deutschland werden mehr als zehnmal so viele Menschen getestet. Die britische Testdichte ist so gering, dass sogar Ärzte und Krankenschwestern, die mit Corona-Patienten umgehen, vergeblich um Tests bitten.

          Viele Briten staunen in diesen Tagen, wie schwach ihr Gesundheitssystem aufgestellt ist. Plötzlich steht ihr NHS im direkten Vergleich mit Gesundheitssystemen anderer Länder, und die Statistiken lassen erschauern. Das Königreich verfügt über deutlich weniger Ärzte und Krankenhausbetten pro Einwohner als viele Länder in der EU und Asiens. Besonders drastisch ist der Unterschied bei den Intensivbetten. Wo 100.000 Deutschen fast dreißig solcher Betten zur Verfügung stehen, sind es bei den Briten keine sieben.

          Ein harter Realitätsschock

          Der schwerfällige, zentral gesteuerte NHS hat nicht nur Mühe, die Testkapazitäten auszuweiten und eine annähernd ausreichende Zahl an Beatmungsgeräten zu beschaffen; er zeigt sich unfähig, sein Personal mit angemessener Schutzkleidung auszustatten. Die Ärzte würden „wie Lämmer zur Schlachtbank“ geführt, klagte der Vorsitzende der „Doctors’ Association“.

          Der Realitätsschock trifft die Briten hart. Der NHS ist nicht nur ein Gesundheitsdienst, sondern für viele eine geradezu religiöse Institution. Obwohl schon vor der Corona-Krise kaum eine Woche ohne haarsträubende Engpässe und Skandale in den Praxen und Krankenhäusern des Landes verging, stellt so gut wie niemand das System in Frage.

          Mit seinen mehr als 1,5 Millionen Mitarbeitern beschäftigt der NHS mehr Menschen als die staatliche indische Eisenbahn. Aber die Briten betrachten ihren Gesundheitsdienst nicht als bürokratische Krake, sondern als soziale Errungenschaft. Vor dem NHS, der überwiegend aus Steuern und Beiträgen zur „National Insurance“ bezahlt wird, ist jeder gleich. Er bietet einer sozial auseinanderstrebenden Nation in einer weitgehend privatisierten Wirtschaft einen Wir-Moment.

          Wurde Gesundheitsdienst „kaputt gespart“?

          Kaum ein Politiker erwähnt den NHS, ohne ein bekenntnishaftes Attribut voranzustellen: Die Rede ist von „unserem geschätzten NHS“, oft von „unserem geliebten NHS“. Nicht selten gehen die schönen Worte mit Heuchelei einher. Wer es sich leisten kann, lässt sich privat behandeln. Die Qualifikation der NHS-Ärzte steht nicht in Zweifel; viele rotieren zwischen öffentlichem und privatem Sektor. Problematisch ist die Ausstattung der staatlichen Krankenhäuser, der Mangel an Betten und Pflegern, die langen Wartezeiten für Operationen.

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          Vor allem die Labour Party führt die zum Teil skandalösen Verhältnisse auf das „Kaputtsparen“ des NHS durch die konservative Regierung zurück. Laut des „Office for Budget Responsibility“ steckte die letzte Labour-Regierung durchschnittlich 5,6 Prozent mehr in den NHS. Unter den Konservativen, die seit 2010 regieren, fiel die jährliche Erhöhung auf unter zwei Prozent und wurde erst in den vergangenen zwei Jahren spürbar erhöht. Insgesamt investiert das Königreich etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in das Gesundheitssystem, nur ein Prozent weniger als Deutschland.

          Eine halbe Million Freiwillige

          Premierminister Boris Johnson steht unter wachsendem Druck, die Kapazitäten des NHS rasch zu erhöhen. Die Regierung lässt derzeit ein Veranstaltungszentrum im Osten Londons zu einem „Feldkrankenhaus“ mit 4.000 Intensivbetten umbauen. Ähnliche Projekte wurden in Manchester und Birmingham angeschoben. Bei der Versorgung mit medizinischen Gütern hilft nicht nur die Armee, sondern ein Heer von Freiwilligen.

          Einem Aufruf der Regierung folgten binnen 24 Stunden mehr als eine halbe Million Briten, doppelt so viele wie erhofft. Das Arbeitsministerium hat 10.000 Ärzte und Pfleger zurückgerufen, die den NHS verlassen hatten. Der medizinische „Chefberater“ der Regierung sagte voraus, dass es „knapp“ würde, aber der NHS den in zwei bis drei Wochen erwarteten Ansturm „vermutlich managen“ könne.

          Selbstmotivation durch Applaus

          Ärzte, die die Lage vor Ort kennen, sind weniger optimistisch. Sie sprechen von einem „andauernden Tsunami“, der die Intensivstationen der besonders betroffenen Hauptstadt schon jetzt überfordere – auch weil in manchen Krankenhäusern bis zur Hälfte der Ärzte und Schwestern erkrankt ist.

          Der NHS motiviert sich derweil selber und rief am Donnerstag zu einer landesweiten „Applaus-Aktion“ auf. Mit Erfolg: Am Abend um acht Uhr traten die Briten in vielen Städten des Landes klatschend und johlend an Fenster, Haustüren oder Balkone, um, wie es in dem Aufruf geheißen hatte, „allen Krankenschwestern, Ärzten und Pflegern die Wertschätzung für ihre harte Arbeit und den Kampf gegen dieses Virus zu zeigen“.

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