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Kampf gegen Boko Haram : Rückkehr alter Kampfgefährten

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Auf Gamboru gerichtet: Tschadische Kampffahrzeuge am Sonntag an der Grenze zu Nigeria Bild: AFP

Im Krieg gegen Boko Haram greift Tschad jetzt offen in Nigeria ein. Ob das abgesprochen wurde, darf bezweifelt werden. Paris allerdings ist bestens informiert.

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          Die tschadische Armee macht Ernst mit ihrer Ankündigung, die Islamisten von Boko Haram auf nigerianischem Boden zu bekämpfen. Das ganze Wochenende über haben tschadische Kampfhubschrauber die von den Islamisten gehaltene Ortschaft Gamboru an der Grenze zu Kamerun bombardiert. Zudem sollen tschadische Bodentruppen zumindest zeitweise von Kamerun aus nach Nigeria vorgedrungen sein. Bewohner der Gamboru gegenüberliegenden kamerunischen Stadt Fotokol berichten, dass täglich weitere Truppen, sowohl kamerunische als auch tschadische, in das Grenzgebiet strömen. Der kamerunische Präsident Paul Biya hatte die tschadische Militärhilfe vor zwei Wochen akzeptiert.

          Auch im Grenzgebiet von Niger und Nigeria sind inzwischen tschadische Soldaten unterwegs. Am vergangenen Freitag eröffneten sie von Bosso auf nigrischer Seite das Feuer auf Stellungen der Islamisten in der nigerianischen Grenzstadt Malam Fatori. Die tschadischen Soldaten waren dafür mehrere hundert Kilometer über nigrisches Territorium gefahren. Verlässliche Zahlen über Opfer dieser Kämpfe liegen nicht vor. Die tschadische Armee spricht von vier eigenen Toten und mehr als 130 getöteten Islamisten.

          Misstrauen gegen Afrikanische Union

          Die nigerianische Armee, die am Wochenende nur knapp die Erstürmung der Millionenstadt Maiduguri durch die Islamisten verhindern konnte, äußert sich bestenfalls lakonisch zu den Vorstößen der tschadischen Armee. Deren Angriffe auf Gamboru und Malam Fatori seien Teil der gemeinsamen Anstrengungen zur Bekämpfung von Boko Haram, wiederholte der nigerianische Armeesprecher ein über das andere Mal, und sie seien mit Nigeria abgesprochen. Ob das zutrifft, darf indes bezweifelt werden. Denn sowohl Nigeria als auch Kamerun beschweren sich inzwischen über das Fehlen einer „gemeinsamen Befehlsstruktur“ mit den Tschadern.

          Als die Afrikanische Union (AU) in der vergangenen Woche die Aufstellung einer 7500 Soldaten starken Streitmacht zur Bekämpfung von Boko Haram beschloss, kreisten längst tschadische Kampfflugzeuge über Malam Fatori. Ohnehin ist unklar, ob diese Truppe – abgesehen von der fehlenden Finanzierung – je aufgestellt wird. Bereits 2014 hatten Nigeria, Niger, Tschad, Kamerun und Benin beschlossen, 3000 Soldaten in Baga am Tschad-See zu stationieren, um der Islamisten Herr zu werden. Die Tschader waren damals die ersten, die sich frustriert über die Nigerianer aus dieser Koalition wieder verabschiedeten. Tschads Präsident Idriss Déby schafft nun Fakten, und er schert sich dabei herzlich wenig um die Befindlichkeiten seiner Nachbarn.

          Erfolg gibt Tschad recht

          Das ist nichts Neues. Auch als sich Frankreich in Mali anschickte, die Islamisten von Al Qaida im islamischen Maghreb (Aqim) zu verjagen, weigerte sich Déby, seine Truppen der afrikanischen Eingreiftruppe zu unterstellen, sondern kooperierte direkt mit dem französischen Oberkommando. Déby wurde dafür von seinen afrikanischen Kollegen heftig gescholten, doch der Erfolg gab ihm recht. Die tschadischen Soldaten waren damals maßgeblich für die Vertreibung der Islamisten aus der Region um Kidal verantwortlich. Genau diese Truppe, knapp 2000 Mann einer Antiterroreinheit sowie der Präsidentengarde, kämpft jetzt an der Grenze zu Nigeria.

          Die Kampfkraft der Tschader kommt nicht von ungefähr. Wer tschadische Armee sagt, meint nicht zuletzt französische Armee. Frankreich unterhält seit vielen Jahren einen Luftwaffenstützpunkt in N’Djamena sowie einen weiteren in Abéché an der Grenze zu Sudan. Die Kooperation zwischen den beiden Armeen gilt seit dem Feldzug in Mali als ausgezeichnet. N’Djamena ist inzwischen das Hauptquartier der französischen „Opération Barkhane“, der Nachfolgemission des Mali-Feldzuges „Opération Serval“. Aufgabe der „Opération Barkhane“ ist es, die Bewegungen von Islamisten in der Sahara zwischen Mauretanien im Westen bis Tschad im Osten zu unterdrücken. Dafür verfügen sie unter anderem über drei Drohnen, die abwechselnd von Niger und von Tschad aus aufsteigen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass diese Drohnen inzwischen auch über der nur 100 Kilometer von N’Djamena entfernt liegenden Grenze zu Nigeria kreisen.

          Kontrolle des Tschad-Sees überlebenswichtig

          Das militärische Engagement Débys in Nigeria hat indes nichts mit nachbarschaftlicher Solidarität zu tun, sondern ist dem eigenen Machterhalt geschuldet. Gefahr hat Déby immer nur von Tschadern jenseits der Grenze gedroht. Das war 2008 so, als Mitglieder seiner eigenen Ethnie, der Zaghawa, in Darfur in Sudan eine Rebellenarmee aufstellten und auf N’Djamena marschierten. Dieser Vormarsch konnte erst vor dem Präsidentenpalast in der Hauptstadt zum Stehen gebracht werden, was wiederum mit dem Eingreifen französischer Kampfflugzeuge zu tun hatte, welche die Nachschubkolonnen der Rebellen zerstörten.

          Auf der Flucht vor Boko Haram: Flüchtlingsfamilie im Bundesstaat Adamawa in NIgeria

          Im Fall von Boko Haram ist es vor allem die ethnische Zusammensetzung der Islamistentruppe, die Déby Sorgen bereitet. Boko Haram rekrutiert sich überwiegend aus Mitgliedern der Ethnie der Kanuri, die sowohl in Nigeria als auch in Tschad leben. Immer wieder berichten Überlebende der Massaker von Boko Haram, dass die Angreifer Tschader gewesen seien. Aus den besetzten Ortschaften wiederum wird berichtet, dass es Tschader seien, die sich dort als die neuen Herren aufspielen.

          Insofern bekämpft Déby gerade im Ausland die eigenen Landsleute. Er will verhindern, dass Boko Haram stark genug wird, um sich rund um den Tschad-See festzusetzen. Der See ist für die Wirtschaft im Süden Tschads lebenswichtig. Diese Einschätzung teilt Déby mit dem nigrischen Präsidenten Mahammadou Issoufou, dessen Land ebenfalls an den See grenzt. Das ist auch der Grund dafür, warum die tschadische Armee nahezu unbemerkt über nigrisches Gebiet nach Nigeria vorstößt. Der Tschad-See und die Kontrolle der Grenze nach Libyen, woher Waffen und Dschihadisten kommen, sind für beide Länder überlebenswichtig.

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