24.12.2011 · Josef Ackermann mag ein Buch über Armin Hary. Erfolg hatten beide, Erfahrung mit Zweifel, Neid und Missgunst aber auch. Solche Gefühle spielen in vielen Unternehmen eine Rolle, mancher Manager fiel ihnen 2011 zum Opfer.
Von Carsten KnopEs war wieder ein Jahr des Josef Ackermann. Ob es einen Schweizer gibt, der die Deutschen jemals ausdauernder beschäftigt hat? Aber es wird nun auch das letzte vollständige Jahr von Ackermann an der Spitze der Deutschen Bank gewesen sein; die Deutschen werden andere Manager finden müssen, an denen sie sich reiben können. Diese Lücke zu füllen wird schwer. Allein die Frage, ob Ackermann die Ankündigung seines endgültigen Abschieds von der Bank im Spätherbst verpatzt hat oder nicht, hat die Leser dieser Zeitung mehr bewegt als manches vielleicht wichtigere Thema aus der Unternehmenswelt des Jahres 2011.
Über die Bilanz des Josef Ackermann an der Spitze der Deutschen Bank zu seinem nun feststehenden Abschied im Mai 2012 wird bis dahin noch viel mehr geschrieben werden - Gutes und Schlechtes. Aber was wäre eigentlich gewesen, wenn Ackermann seine ursprüngliche Abschiedsankündigung wahr gemacht hätte? Denn schon im Januar 2007 hatte Ackermann gesagt, er wolle seine Karriere 2010 beenden, ohne danach in den Aufsichtsrat zu wechseln. Er wolle Erfahrungen weitergeben, „an der Uni oder vielleicht auch im gesellschaftlichen Bereich“.
Diesem Plan blieb er lange treu. Noch im Januar 2009 sagte Ackermann zu später Stunde kurz vor dem Ende des damaligen Weltwirtschaftsforums in Davos, seine Ruhestandsplanung stehe fest, im Jahr 2010 sei Schluss. Er habe viele Pläne; die ersten Abschiedsgeschenke trudelten schon ein. So berichtete Ackermann von einem Präsent des deutschen Sprinters Armin Hary, das ihn bewegt habe. Dazu muss man wissen, dass Ackermann in seinen jungen Jahren selbst ein begeisterter Leichtathlet war und die Karriere des rund elf Jahre älteren Hary gewiss genau verfolgt hat. Hary jedenfalls hatte Ackermann ein Buch über sich mit einer vielsagenden Widmung hinterlassen: „Von Sprinter zu Sprinter“. Ackermann und seine Zuhörer wussten damals zwar, dass Hary in seinem Sportlerleben zu häufig zu früh losgelaufen war, aber sie wussten noch nicht, dass Ackermann in den Monaten danach den perfekten Zeitpunkt dafür verpassen würde, durchs Ziel zu laufen.
Denn nur wenige Monate nach dem Treffen in den Schweizer Bergen, nämlich Ende April 2009, bot der Aufsichtsrat der Deutschen Bank Ackermann nach diversen Wirren um seine Nachfolgeplanung eine Vertragsverlängerung bis 2013 an. Ackermann nahm, auch im Zusammenhang mit einem Machtkampf mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Börsig, das Angebot an. Er verpasste so die Gelegenheit, sich mit dem Eindruck zu verabschieden, die Deutsche Bank glänzend durch die Finanzkrise geführt zu haben. Weil Ackermann blieb, kämpft er nun mit den Folgen der Staatsschuldenkrise und diverser Gerichtsverfahren, ob diese nun berechtigt sein mögen oder nicht.
So oder so sollte seine Vertragsverlängerung an der Spitze der Deutschen Bank nicht lange für Ruhe sorgen. Ende Juli dieses Jahres wurde, wieder nach vielem Hin und Her, bekannt, dass Ackermann schon im Mai 2012 seinen Posten als Vorstandsvorsitzender zugunsten einer Doppelspitze aus dem indisch-britischen Investmentbanker Anshu Jain und dem Traditionsbankier Jürgen Fitschen aufgeben würde. Zu jenem Zeitpunkt sollte er, so war jedenfalls der Plan, anschließend noch in den Aufsichtsrat wechseln. Das aber kam bei ausländischen Investoren nicht gut an. Neuer Aufsichtsratschef wird nun der bisherige Finanzvorstand der Allianz, Paul Achleitner. Jetzt geht Ackermann also bald ganz und macht das, was er schon 2007 angekündigt und Anfang 2009 noch treuherzig bekräftigt hatte. Für alle diese Verzögerungen und Verlängerungen mag es gute Gründe gegeben haben. Aber seine Nachspielzeit ist Ackermann nicht gut bekommen.
Wenn er nun negative Texte über sich liest, denkt Ackermann vielleicht manchmal an Armin Hary, den einst schnellsten Mann der Welt und Olympiasieger von Rom: Hary erlebte schon damals, was auch Athleten heute unter der Überschrift Generalverdacht trifft. Ihm schlugen Zweifel, Misstrauen und Ablehnung entgegen. Eigennutz und Arroganz warf man Hary vor. Dennoch ist Hary der letzte Deutsche und letzte Europäer, der den 100-Meter-Weltrekord gehalten hat.
Noch mehr Unterhaltungswert als das Postengeschacher an der Spitze der Deutschen Bank hatte in diesem Jahr nur die Führungskrise im Duisburger Familienkonzern Haniel sowie seinen Beteiligungsunternehmen Metro (dem größten deutschen Einzelhandelskonzern) und Celesio (einem Pharmagroßhändler in Stuttgart). Dann im Hause Haniel hat das ganze Jahr hindurch Missgunst geherrscht. Hier wurden gar keine unternehmerischen Strategien in den Vordergrund gestellt, sondern Machtspiele ausgetragen. Das Familienoberhaupt Franz Markus Haniel war überfordert. Er hatte den peniblen Manager Eckhard Cordes geholt, der zum Jahreswechsel von seinem Finanzvorstand Olaf Koch an der Spitze der Metro abgelöst werden wird (was zuvor mit erheblichen Verwerfungen verbunden war). Und er hatte den scheinbar stets humorvollen früheren McKinsey-Chef Jürgen Kluge angeworben, der kurz nach dem Hin und Her um Cordes auch für sich selbst an der Spitze von Haniel keine Zukunft mehr sah. Dass zwischendurch zudem Celesio-Chef Fritz Oesterle von Kluge abserviert worden war, sei nur am Rande erwähnt. Mit der Nachfolgesuche für Kluge ist in diesen Tagen ein Headhunter befasst. Man darf gespannt sein, wer sich diese Rolle zumutet. Wer immer dazu bereit ist, sollte vorher überprüfen, wie einig sich die weitverzweigte Haniel-Familie inzwischen untereinander ist. Denn Franz Markus Haniel allein hat es in der jüngeren Vergangenheit nicht mehr vermocht, die Familieninteressen zu bündeln.
Franz Markus Haniel hätte man es angesichts der Irrungen und Wirrungen seiner leitenden Angestellten vielleicht sogar nachgesehen, wenn er einen Burn-out bekommen hätte. Denn wer nicht im Streit ging, hatte in diesem Jahr im Zweifel einen Burn-out. Aus diesem Grund (oder weil er wegen Erschöpfung ein solches Krankheitsbild befürchtete) hat im Herbst Hartmut Ostrowski, der Vorstandsvorsitzende des Medienkonzerns Bertelsmann in Gütersloh, um die vorzeitige Auflösung seines noch bis Ende 2012 laufenden Vertrages gebeten. Nun geht Ostrowski schon zum Jahreswechsel 2011/12. Sein Nachfolger wird, wie bei der Metro, der bisherige Finanzvorstand, hier also Thomas Raabe. Das kam plötzlich und für die Beobachter überraschend. Einen vergleichbaren Überraschungsmoment hatte in diesem Jahr Joachim Hunold parat, der Anfang September als Vorstandsvorsitzender der Fluggesellschaft Air Berlin vom ehemaligen Chef der Deutschen Bahn, Hartmut Mehdorn, abgelöst worden ist. Der fühlt sich in dieser Rolle inzwischen pudelwohl, gibt den harten Sanierer - und erweckt nicht den Eindruck, so bald wieder gehen zu wollen. Allerdings muss Mehdorn erst noch beweisen, dass er seine Sparziele wirklich erreichen kann. Dass Air Berlin vor einer guten Zukunft steht, ist auch nach dem Einstieg von Etihad Airways kurz vor Weihnachten noch nicht ausgemacht.
Am selben Tag wie Mehdorn bei Air Berlin ist auch beim Energieversorger RWE in Essen ein neues Vorstandsmitglied begrüßt worden. Der Mann heißt Peter Terium und wird im Juni 2012 den heutigen Chef Jürgen Großmann an der Spitze ablösen. Terium führte zuvor die niederländische RWE-Tochtergesellschaft Essent, war vor seiner Auswahl zum Großmann-Nachfolger alles andere als unumstritten - und darf nun die Aufgabe übernehmen, einen der größten deutschen Energieversorger durch schwere Zeiten zu führen: nach der durch die Atomkatastrophe in Fukushima ausgelösten Energiewende samt vollständigem Ausstieg aus der Atomenergie.
Fukushima: Diesen Namen hatte auch der damalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg garantiert noch nie gehört, als er an einem regnerischen Tag vor Nikolaus 2010 in seiner Staatskanzlei dafür sorgte, dass sein Bundesland für viel Geld die Anteile am heimischen Energieversorger ENBW übernahm, die zuvor in französischer Hand waren. Das schien, so dachten es sich Stefan Mappus und seine Berater, für alle beteiligten Parteien ein tolles Geschäft zu sein, nicht zuletzt für „die schwäbische Hausfrau“, die sich darüber freuen sollte, dass sich die Übernahme über die Erträge von ENBW von allein bezahlt. Über den Nacht-und-Nebel-Charakter der Transaktion gab es zwar von Anfang an mehr als nur böse Worte. Aber der große Schlag war dann die Atomkatastrophe in Fukushima, die nun dafür sorgt, dass sich der von der Atomenergie abhängige ENBW-Konzern für viel Geld anders orientieren muss. Und Mappus hat seine Landtagswahl verloren. Er konnte danach eine Karriere im Management des Darmstädter Chemie- und Pharmakonzerns Merck KGaA zwar antreten, aber nicht lange fortführen. Nun kämpft er um die Reste seines Rufs. Die Personalie Mappus dürfte (neben Karl-Theodor zu Guttenberg, aber der war ja stets nur Politiker) der tiefste Fall einer Führungskraft im zu Ende gehenden Jahr sein. Dass auch der Chef von ENBW, Hans-Peter Villis, keine Lust mehr hat, kommt hinzu. Er steht nach Auslaufen seines Vertrages Ende September 2012 nicht mehr zur Verfügung.
Männer gehen, Männer kommen - und die Frauen? Die Konzerne bemühen sich, Frauen auch in die Vorstände zu bekommen. Aber häufig bleibt es für sie bei „weichen“ Ressorts wie zum Beispiel Personal oder Compliance. Nach wie vor wird kein Dax-Unternehmen von einer Frau geführt. In dieser Hinsicht sind die Amerikaner weiter, zum Beispiel mit Blick auf Xerox oder Hewlett-Packard (heute schon) und IBM (bald).
Doch immerhin: In der Telekom sitzen bald zwei Frauen im Vorstand. Marion Schick wird dort 2012 für Personal zuständig; Claudia Nemat ist schon im Gremium vertreten. Personalvorstand ist auch Kathrin Menges geworden, beim Düsseldorfer Klebstoff- und Waschmittelkonzern Henkel. Die vom großen Lokführerstreik, den sie für ihren alten Arbeitgeber Deutsche Bahn begleitet hat, noch immer in ganz Deutschland bekannte Margret Suckale ist für das Personal im Chemiekonzern BASF zuständig.
Die Deutsche Post versichert sich hierfür der Dienste von Angela Titzrath, die ursprünglich für Daimler gearbeitet hat. Für den Autohersteller aus Stuttgart wiederum arbeitet die frühere Verfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt als Compliance-Vorstand. Und auch der Münchener Versicherungskonzern Allianz hat mit Helga Jung nun eine Frau im Vorstand. Sie ist für Lateinamerika sowie für strategische Beteiligungen zuständig.
Sicher scheint zum Jahreswechsel damit aber auch zu sein: Der Weg an die Spitze der Elite der deutschen Unternehmen wird für die Frauen kein Sprint in 10,0 Sekunden - wie einst bei Armin Hary. Hier sind Qualitäten von Dauerläuferinnen gefragt.
--- es kann nur davon abgeraten werden, ---
Konrad Fit (Einstein-1)
- 25.12.2011, 11:53 Uhr
Wann gibt es wieder Persönlichkeiten,die (DAX-)Unternehmen
führen können?
günther reichert (g.reichert)
- 24.12.2011, 19:53 Uhr
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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