https://www.faz.net/-gqe-9q2t2

Überraschendes Ergebnis : Deutsche Konzerne machen mehr Geschäft in Amerika und China

Einige Unternehmen konnten trotz schwacher Konjunktur Gewinne einfahren. Bild: dpa

Wenn sich Amerika und China streiten, freut sich Europa? Auf beiden großen Märkten steigern die Dax-Unternehmen ihren Umsatz. Zugleich schrumpfen ihre Gewinne. Was steckt dahinter?

          Es war ein Wechselbad der Gefühle. Die Berichtssaison zum zweiten Quartal 2019 begann mit einem Schock: Ausgerechnet das zukunftsträchtige Softwarehaus SAP musste für das zweite Quartal einen Gewinnrückgang um fast ein Fünftel hinnehmen. Die Gewinnmarge war von 30 Prozent im Vorjahr auf 12 Prozent im laufenden Jahr geschrumpft.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Selbst der zweistellige Umsatzzuwachs von 11 Prozent war kaum mehr als ein fahler Lichtblick, weil er geringer ausgefallen war als erwartet. Einen Tag später kam die Software AG und bestätigte den Negativtrend. Die Deutsche Bank und der Autohersteller Daimler rutschten im zweiten Quartal sogar in die Verlustzone.

          Aber es gab nicht nur Schatten. Der durch Dieselskandale und den Schwenk vom Verbrennungs- zum Elektromotor gebeutelte Autohersteller Volkswagen kann vor Kraft kaum gehen. War das erste Quartal noch vom Dieselbetrug geprägt, steigerte der weltgrößte Autokonzern im zweiten Quartal seinen Betriebsgewinn um fast 30 Prozent auf 5,1 Milliarden Euro und den Umsatz um fast 7 Prozent auf gut 65 Milliarden Euro. Die Gewinnsteigerung ist auch dann noch beachtenswert, wenn man berücksichtigt, dass im Vorjahresquartal eine Rückstellung von 1,6 Milliarden Euro für den Dieselskandal zu verkraften war.

          Umsatzsteigerung bis zu 37 Prozent

          „Einige Unternehmen konnten trotz einer sich abschwächenden Konjunktur überraschend starke Zahlen vorweisen und ihre Profitabilität deutlich steigern“, kommentiert Hubert Barth, Vorsitzender der Geschäftsführung des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens EY die Zahlen für das zweite Quartal. Sein Unternehmen hat die Quartalsberichte aller Dax-30-Konzerne analysiert.

          Das erfreulichste Ergebnis: Bis auf die zwei Konzerne BASF (minus 4 Prozent) und Covestro (minus 17 Prozent) haben alle Unternehmen ihren Umsatz gehalten oder teilweise sogar deutlich ausgebaut. Die Umsatzsteigerungen gehen bis zu 37 Prozent bei Wirecard. Insgesamt ist der Umsatz der Dax-30-Konzerne im zweiten Quartal um 4,5 Prozent auf knapp 354 Milliarden Euro gestiegen.

          Eine nähere Betrachtung der Umsätze zeigt, dass die Steigerungen vor allem aus dem Geschäft mit Kunden in Amerika und in Asien stammen, während der Umsatz mit europäischen Kunden leicht gesunken ist. Allein die Umsätze in den Vereinigten Staaten legten um 15 Prozent zu. In Europa macht sich der quälende Brexit-Prozess immer negativer bemerkbar.

          Brexit verunsichert Europäer

          Eon hat in Großbritannien 400.000 Kunden im ersten Halbjahr verloren. Der Brexit belastet aber nicht nur das Geschäft in Großbritannien, das wegen zu erwartender Zölle nach dem Ausscheiden des Landes aus der EU noch schwieriger wird. Der Brexit veranlasst auch Kontinentaleuropäer, sich zurück zu halten.

          Da auch außerhalb Europas zunehmend Schwierigkeiten erwartet werden – Stichwort: Handelsstreit zwischen den Vereinigten Staaten und China–, verordnen sich immer mehr Unternehmen Sparprogramme. Die sind zunächst meist mit Kosten verbunden – und schlagen sich kurzfristig negativ in der Gewinn- und Verlust-Rechnung nieder.

          Die addierten Gewinne vor Zinsen und Steuern (Ebit) sind im zweiten Quartal – von einem hohen Niveau im Vorjahr kommend – um 30 Prozent von 36 auf 25 Milliarden Euro gesunken. Auch hier zeigt die große Spannbreite keine eindeutige Richtung. Die Gewinnentwicklung reicht von einem Zuwachs von 58 Prozent bei Merck bis zu einem Rückgang um 87 Prozent bei Eon.

          Die Deutsche Bank und Daimler verbuchten sogar jeweils Verluste. Beide Unternehmen leiden aber nicht unter einem Preisdruck in ihrem eigentlichen Geschäft. Bei Daimler belasten Rechtsrisiken und Rückstellungen die Gewinnentwicklung. Für die Deutsche Bank fielen hohe Restrukturierungskosten im Zusammenhang mit dem Konzernumbau an.

          In die gleiche Richtung zeigen auch die unterschiedlichen Verläufe der Gewinne einerseits und der Cashflows, also der Geldzuflüsse, andererseits. Während die Gewinne stark sinken (minus 30 Prozent), sind die Zahlungsüberschüsse aus dem operativen Geschäft mit minus einem Prozent nahezu konstant geblieben. Aber auch dieser Trend kennt Ausnahmen.

          Der Chemiekonzern BASF spürt schon sehr deutlich den Preisdruck für Kunststoffe. Hier ist wie bei anderen Produkten auch die nachlassende Nachfrage der Automobilindustrie ursächlich. Nicht ganz so erwartbar war eine Entwicklung, wie sie sich bei Siemens zeigt. Ausgerechnet die Sparte Industrieautomatisierung leidet; dort werden gerade alle Zeitarbeitsverträge gekündigt. Gerade diese Sparte müsste – wie auch der Umsatz bei SAP – im Zuge der Digitalisierung (Stichwort: Industrie 4.0) jetzt hohe Zuwachsraten aufweisen. Auch hier zeigt sich, dass die Unternehmen selbst bei der Transformation in die digitale Welt eher vorsichtig agieren.

          Zwei erfreuliche Erkenntnisse der EY-Auswertung sind, dass die Unternehmen – wenn auch mit deutlich nachlassender Dynamik – weiterhin einstellen. Die Zahl der Mitarbeiter liegt um 1,5 Prozent über dem Stand des Vorjahres und hat damit unter dem Umsatzanstieg (plus 4,5 Prozent) zugelegt. Die zweite positive Nachricht: Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sind im zweiten Quartal um 4 Prozent gestiegen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.