Autohersteller in der Krise : Mercedes versteht den chinesischen Markt nicht mehr

Der Stuttgarter Hersteller kündigt eine neue Strategie für Fernost an. Und in Deutschland soll ein weiteres Abfindungsprogramm die Kosten senken.
Die Zahl, die die gesamte China-Misere von Mercedes deutlich macht, ist im Halbjahresbericht des Autoherstellers zu finden. Dort ist für die Tochtergesellschaft Beijing Benz Automotive Co., Ltd. im zweiten Quartal ein Verlust von 560 Millionen Euro verzeichnet. Und das Unternehmen ist nicht irgendeine Tochtergesellschaft, es ist das Gemeinschaftsunternehmen mit dem chinesischen Staatshersteller Baic, das in Peking das größte Werk für Autos mit dem Stern auf der Haube betreibt und in dem unter anderem die C- und E-Klassen für den chinesischen Markt entstehen.
Noch ist der Verlust der Fabrik kein operativer, im ersten Quartal steuerte das Werk einen Gewinn von 115 Millionen Euro bei, im zweiten Quartal waren es gut 100 Millionen Euro und im dritten Quartal 37 Millionen Euro. Die roten Zahlen gründen sich auf die Aussichten von Mercedes auf dem größten Automarkt der Welt: Weil die sich mit jedem Monat verschlechtern, musste Mercedes den Wert des Gemeinschaftsunternehmens im zweiten Quartal drastisch nach unten korrigieren.
Rückgang fällt viel stärker aus als erwartet
Angesichts dieser Entwicklung hat das Unternehmen nun angekündigt, sein Geschäft in China neu auszurichten. „Der Rückgang dort ist viel stärker ausgefallen, als wir das im Januar erwartet haben, den Betriebspunkt müssen wir nun neu einschätzen, denn er hat eine Auswirkung auf das Gesamtgebilde“, sagte Mercedes-Chef Ola Källenius bei der Vorstellung der Zahlen für das dritte Quartal am Mittwoch. „Das Verhalten des Marktes in China ist schwer zu begreifen.“ Jeden Monat hofften die Manager in der Mercedes-Zentrale in Untertürkeim, dass die Talsohle endlich erreicht sei – und jeden Monat verkaufte Mercedes noch weniger Autos in Fernost. Nun will der Hersteller für nächstes Jahr eine neue China-Strategie erarbeiten.
Von Januar bis September setzte Mercedes in China nur noch 297.000 Autos ab, das waren 29 Prozent weniger als im Vorjahresquartal – und die Quittung für den weiteren Niedergang auf dem größten Automarkt der Welt präsentierten Källenius und sein Finanzchef Harald Wilhelm in Form der Quartalszahlen, denen am Dienstag eine Senkung der Gewinnprognose vorausgegangen war. Der um Sonderfaktoren wie den Kosten für Restrukturierung und Sparprogramme bereinigte operative Konzerngewinn (Ebit) ging zwischen Juli und September bei einem Umsatz von 30,7 Milliarden Euro um 15 Prozent auf 1,78 Milliarden Euro zurück. Bislang hatte Mercedes für das Gesamtjahr einen Konzerngewinn deutlich über dem Vorjahreswert von 5,8 Milliarden Euro erwartet, nun planen Källenius und Wilhelm mit einem Ergebnis auf dem Niveau des Vorjahres.
Noch deutlicher werden die China-Probleme in den Zahlen der Autosparte. Das Betriebsergebnis wird im Gesamtjahr jetzt nur noch auf dem Vorjahresniveau von 5,8 Milliarden Euro statt deutlich darüber erwartet. Lange Zeit hoffte Mercedes-Chef Källenius, dass der Preiswettbewerb, der vor allem bei kleinen elektrischen Autos unter den mehr als 100 Herstellern in China herrscht, den Markt für Premiumautos nicht so sehr durcheinander schütteln würde. Doch wegen der wirtschaftlichen Probleme infolge der Immobilienkrise halten sich auch wohlhabendere Kunden mit dem Autokauf zurück. Der bereinigte operative Gewinn (Ebit) der Autosparte sank um mehr als die Hälfte von 1,139 Milliarden Euro auf nur noch 560 Millionen Euro, was einer Umsatzrendite von 2,5 Prozent nach 4,8 Prozent im Vorjahr entspricht. Für das Gesamtjahr plant Mercedes in der Autosparte nun nur noch mit einer Marge zwischen zwei und drei Prozent. Bislang war der Hersteller noch von einer Rendite zwischen drei und fünf Prozent ausgegangen.
Dass sich der Absatz auf anderen Märkten zuletzt stabilisiert hat, gleicht die Rückgänge in China nicht aus. In Europa stieg die Zahl der verkauften Autos um fünf, in den USA um sechs und auf dem Heimatmarkt Deutschland sogar um 13 Prozent. Damit ist der Gesamtabsatz außerhalb von China drei Quartale in Folge gewachsen. Vor diesem Hintergrund will der Mercedes-Chef das Geschäft des Herstellers in den Weltregionen neu austarieren. „Wir müssen schauen, in welchen Märkten es bessere Profitpools gibt“, sagte Källenius in einer Runde mit Analysten. Eine Herausforderung ist dabei die zunehmende Konkurrenz chinesischer Hersteller in Europa, die ihre nicht in China verkauften Autos auf anderen Märkten in der Welt absetzen wollen oder eigene Fabriken in Europa aufbauen. Mercedes werde dieser Herausforderung mit attraktiven Produkten begegnen „und den Stier bei den Hörnern packen“.
Neue Runde beim Abfindungsprogramm „Next Level Performance“
Ohne Kostensenkungen an den deutschen Standorten, an denen Mercedes noch immer zwei Drittel der globalen Belegschaft beschäftigt, obwohl auf dem Heimatmarkt nur 13 Prozent der Autos verkauft werden, werde das aber nicht funktionieren. Vor diesem Hintergrund hat das Unternehmen seine Sparanstrengungen noch einmal intensiviert. In einem Brief an die in der Verwaltung beschäftigten Mitarbeiter hat Mercedes deshalb Ende September angekündigt, das Abfindungsprogramm „Next Level Performance“ aus dem vergangenen Jahr mit Verweis auf die Probleme in China noch einmal aufzulegen. „Unser Absatz in China, sowohl lokal produziert als auch aus Deutschland importiert, sinkt deutlich – so stark, dass selbst gute Ergebnisse in anderen Regionen dies nicht ausgleichen können“, heißt es in dem Schreiben, das der F.A.Z. vorliegt. „Es ist ein attraktives, sozial faires Programm“, sagte Finanzchef Wilhelm dazu am Mittwoch. „Wir gehen von einer hohen Zuspruchsquote aus.“ Für die erste Abfindungsrunde hatte Mercedes rund 1,8 Milliarden Euro zurückgestellt.
Zudem laufen in den Komponentenwerken in Berlin und Untertürkheim, die von der Transformation hin zur Elektromobilität besonders betroffen sind, schon seit mehreren Jahren Abfindungsprogramme auch für die Mitarbeiter in der Produktion, bei denen wie in der Verwaltung beide Seiten einem Ausscheiden zustimmen müssen und Abfindungen in sechsstelliger Höhe gezahlt werden. Dabei sei zwar nicht jeder Mitarbeiter einzeln angeschrieben worden, es gebe aber einen Rahmen für eine einheitliche Berechnung der Abfindungen, wie ein Unternehmenssprecher bestätigte.

Konfliktreichster Punkt in den Sparplänen von Mercedes ist die Forderung, dass die Beschäftigten in Deutschland ohne Lohnausgleich nicht 35, sondern 40 Stunden in der Woche arbeiten sollen. Darüber spricht der Vorstand seit Wochen mit dem Gesamtbetriebsrat. „Jede Vergabe neuer Produkte, jede Zuweisung von Aufgaben an deutsche Standorte verschlechtert unsere relative Kostenposition“, hieß es im Sommer in einem Schreiben, in dem das Unternehmen die Belegschaft über den Plan informierte.
Seit September droht Mercedes nun auch mit der Schließung eines Aufbau- und eines Komponentenwerks in Deutschland, falls sich Betriebsrat und Gewerkschaft in der Frage nach einer Arbeitszeitverlängerung nicht bewegen. Källenius nannte am Mittwoch eine Senkung der Arbeitskosten um 20 Prozent als Ziel, was aus seiner Sicht dann dem Niveau der USA entsprechen würde. „Wenn man einen großen Fortschritt macht, dann ist es auch unser Ziel, Standorte in Deutschland zu schützen“, sagte Källenius.
Gefährdet sind vor allem das Komponentenwerk in Hamburg und die Autofabrik in Rastatt. Wegweisend im Hinblick auf die Zukunft der deutschen Standorte könnte die Antwort auf die Frage werden, wo Mercedes die neue A-Klasse, die 2028 auf den Markt kommen soll, produzieren wird – im badischen Rastatt oder im ungarischen Kecskemét. In Sommer hat Mercedes die Kapazität in Kecskemét auf 400.000 Fahrzeuge im Jahr erweitert. Und die Erweiterung in Ungarn ist so angelegt, dass das Werk im Rahmen sogenannter „Flexachsen“ die Fabrik in Rastatt ergänzt und genau die Modelle produzieren kann, die auch in Baden vom Band laufen.
Wie unsicher der Mercedes-Chef die aktuelle Situation seines Unternehmens im Hinblick auf die Marktentwicklung in China und die Wettbewerbssituation seiner deutschen Fabriken einschätzt, zeigte am Mittwoch auch die Antwort auf die Frage, ob die mittelfristigen Ziele des Herstellers noch gültig seien. „Da wollen wir heute noch nichts vorwegnehmen, darauf werden wir erst nächstes Jahr wieder zurückkommen“, sagte Källenius ausweichend. Bis 2028/29 peilt Mercedes in der Pkw-Sparte eine Marge zwischen acht und zehn Prozent an, der Absatz soll bei zwei Millionen Autos liegen, und die Verkäufe von Oberklassefahrzeugen sollen um 15 Prozent steigen. Angesichts der aktuellen Zahlen ist das mehr als ehrgeizig.





