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Tödliche Kämpfe : Libyen in Flammen

Raketen haben am Wochenende einen Öltank in Tripolis in Flammen aufgehen lassen Bild: dpa

In Libyen toben die heftigsten Kämpfe seit dem Aufstand gegen Gaddafi. Es gibt schon mehr als 200 Tote. Westliche Länder bringen ihre Landsleute in Sicherheit. Libyen steht am Rand eines Bürgerkriegs.

          3 Min.

          „Unser Heimatland steht in Flammen“, sagte Abu Bakar Baira, der Übergangschef des libyschen Parlaments, am Samstag. Die Abgeordneten müssten jetzt hart arbeiten – auf dass die Bedürfnisse der Bevölkerung befriedigt würden, und damit die Libyer aus dieser Katastrophe gerettet würden. Seit Wochen werden die Hauptstadt Tripolis und das ostlibysche Benghasi von heftigen Gefechten erschüttert. Einstige Revolutionshochburgen bekriegen sich, Islamisten bekämpfen politische Rivalen, Militärs aus der Gaddafi-Zeit ziehen wiederum gegen Islamisten ins Feld.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Mehr als 200 Tote soll es allein in der vergangenen Woche gegeben haben, Tausende sind aus Libyen geflohen, westliche Regierungen bringen ihre Diplomaten und Landsleute in Sicherheit. Mit Großbritannien kündigte eines der letzten westlichen Länder die Schließung seiner Botschaft an. Das Außenministerium in London teilte mit, am Sonntag sei ein Schiff der Marine in der libyschen Hauptstadt eingetroffen, um Briten und andere Ausländer an Bord zu nehmen. Der britische Botschafter Michael Aron sagte, er verlasse Tripolis „widerstrebend“, aber das Risiko, ins Kreuzfeuer zu geraten, sei zu groß.

          Die neu gewählten Abgeordneten kamen am Samstag denn auch in der Küstenstadt Tobruk, weit im Osten Libyens, in einem Hotel zusammen. An diesem Montag wollen sie einen neuen Parlamentspräsidenten wählen. Dann soll auch er Allgemeine Nationalkongress die Macht an die neuen Volksvertreter übergeben.

          An den Rand eines Bürgerkriegs

          Doch mit den Machtkämpfen wird schon jetzt neues Öl ins Feuer gegossen. Die libysche Nachrichtenseite „Al Wasat“ meldete, einige Abgeordnete aus der Stadt Misrata, einer der Hochburgen des Aufstands gegen den gestürzten Gewaltherrscher Muammar al Gaddafi, wären aus Protest gegen die geplante Machtübergabe nicht nach Tobruk gereist. Die Islamisten (unter anderem aus Misrata), die den Nationalkongress derzeit dominieren, hatten angesichts des zunehmenden Unmuts in der Bevölkerung und einer drohenden Niederlage die Wahl eines neuen Parlaments immer wieder hinausgezögert und damit dazu beigetragen, die politische Krise zu verschärfen und das Land an den Rand eines Bürgerkriegs zu manövrieren. Als die Wahl Ende Juni abgehalten wurde, waren keine Parteilisten erlaubt, es durften nur unabhängige Kandidaten antreten. Beobachter in Tripolis vermuten die nicht-islamistischen Kandidaten in der Mehrheit – westliche Diplomaten sähen darin Potential für neue Gewalt.

          Die konkurrierenden Kräfte in Libyen nutzen immer wieder die ihnen loyalen Milizen, um ihre Ziele zu erreichen. Die alten Revolutionsbrigaden waren auch deshalb nicht entmachtet worden, weil die Akteure sie als eine wichtige Karte im Machtpoker um Einfluss und Ressourcen in der Hinterhand behalten wollten. Das Land ist zerrissen entlang politischer Linien, entlang der verschiedenen Regionen, Städte und Stämme. Nicht selten überschneiden sich die Konfliktfelder, wie die Kämpfe in Tripolis zeigen, wo der Flughafen verwüstet wurde und am Wochenende nach Raketenbeschuss wieder ein Öltank in Flammen aufging.

          Rebellen aus dem westlichen Gebirgsort Zintan hatten im Zuge des Aufstands gegen Gaddafi den Flughafen eingenommen. Die Stadt ist eine der machtbewussten Revolutionshochburgen und steht in Konkurrenz zu Misrata, einem Wirtschaftszentrum an der Küste. Zugleich werden die Milizionäre aus Zintan und mit ihnen verbündete Brigaden dem Lager der Allianz der Nationalen Kräfte zugerechnet; einer Partei, die von Mahmud Dschibril geführt wird, der zu Zeiten des Aufstands Außenbeauftragter der Rebellen und kurze Zeit so etwas wie der Ministerpräsident ihrer Übergangsregierung war. Unter Gaddafi hatte er sich als Chef des „Nationalen Rats für wirtschaftliche Entwicklung“ erfolglos um Reformen bemüht, bis er sich schließlich entnervt der Opposition anschloss.

          Die Milizen aus Misrata hingegen werden dem Lager der Islamisten zugerechnet, den politischen Rivalen der Allianz Nationaler Kräfte. Sie unterstützten Milizionäre aus Tripolis im Kampf um die Kontrolle des Flughafens, die ebenfalls dem Lager der Islamisten zugerechnet werden. Nach Angaben aus Tripolis hatten Kämpfer der „Kommandozentrale der Libyschen Revolutionäre“ die Zintanis angegriffen. Die Gruppe hatte im Oktober 2013 den früheren Regierungschef Ali Zaidan verschleppt, dem ein enges Verhältnis zu den Eliten in Zintan nachgesagt wird. Die „Revolutionäre“ hatten den Ausschluss einstiger Funktionäre des Gaddafi-Regimes aus der Politik betrieben. Das war nicht zuletzt der Versuch der Islamisten, ihre politische Konkurrenz zu schwächen.

          Doch einige von denen, die durch das von den Islamisten durchgesetzte Isolationsgesetz für zehn Jahre kaltgestellt wurden, schlagen nun zurück. Einstige Offiziere der Gaddafi-Armee haben sich hinter den abtrünnigen General Chalifa Haftar gestellt. Der gibt vor, einen Kampf gegen „Terroristen“ zu führen – für die „Würde“ Libyens. Die Kämpfe konzentrieren sich auf Benghasi, wo schon vor Haftars Zeiten Explosionen, Attentate oder Entführungen an der Tagesordnung waren. Am Freitag wurden in der Region Luftangriffe von Haftars Truppen auf einen Stützpunkt der radikalen islamistischen Gruppe „Ansar al Scharia“ gemeldet. Im Land toben die heftigsten Kämpfe seit dem Aufstand gegen Gaddafi. Libyen steht in Flammen.

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