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Reformationsjubiläum : Was Luther noch zu sagen hat

Reformator, Politiker, Hassprediger: Ein Porträt Martin Luthers aus einem Cranach-Gemälde im Lutherhaus in Eisenach (Archiv) Bild: dpa

Den Kirchen gelingt es unter modernen Bedingungen kaum noch, Menschen zu gewinnen. Es ist höchste Zeit für eine neue Form des Glaubens.

          Die Preußenkönige haben die Wittenberger Schlosskirche im 19. Jahrhundert zu einem nationalprotestantischen Reliquienschrein umgebaut, in dem der Besucher die Hammerschläge förmlich zu hören meint, mit denen Martin Luther im Jahr 1517 seine 95 Thesen dort an die Tür genagelt haben soll. Wenn sich – vier Staatsformen später – die Spitzen von Staat und Kirche am 31. Oktober 2017 abermals an diesem Ort einfinden. um Luthers Reformation zu gedenken, wird auch das wieder ein Versuch sein, den Graben zwischen Vergangenheit und Gegenwart etwas schmaler aussehen zu lassen als er tatsächlich ist. Doch es hilft alles nichts: 500 Jahre sind, gerade auch in Fragen der Religion, eine lange Spanne. Das europäische Christentum ist während dieser Zeit tiefgreifend umgeformt worden. Die zu Dogmen fixierten Wahrheiten, an denen man zu Luthers Lebzeiten das individuelle wie das kollektive Leben noch ausrichten konnte, sind allmählich aus der Gesellschaft verschwunden.

          An ihre Stelle sind Formen des Glaubens und Zweifelns getreten, die deutlich subjektiver, situativer und fluider sind. Nicht nur der Protestantismus, das westeuropäische Christentum insgesamt ist dadurch, wenn meist auch eher unfreiwillig und oft uneingestanden, modern geworden. Das Merkwürdige an der 500-Jahr-Feier der Reformation ist gewesen, dass die gewaltige Transformation der Religion in der Zeit nach Luther allenfalls am Rande eine Rolle gespielt hat. Während im 18. und im 19. Jahrhundert noch kontrovers über das Inventar des klassischen Lehrgebäudes gestritten wurde, sind solche Debatten mittlerweile fast vollkommen erlahmt. In beiden Konfessionen vertritt eine große Koalition aus kirchlicher Hierarchie und akademischer Theologie die Auffassung, dass keine Veränderungen an den Inhalten, sondern lediglich neue Formen ihrer Aneignung angezeigt sind.

          Das apostolische Glaubensbekenntnis steht so inklusive der Höllenfahrt weiterhin unverändert im Gesangbuch, muss sich aber gefallen lassen, auf Jugendfreizeiten kritisch im Stuhlkreis durchleuchtet zu werden. Zugegeben, es gibt Weltreligionen, in denen dies vollkommen undenkbar wäre. Insofern nötigt es Respekt ab, wie tiefgreifend sich einstmals autoritäre Organisationen wie die Kirchen auf die Aufklärung eingelassen haben. Gotteshäuser sind in Europa schon lange nicht mehr Orte unverbrüchlicher Gewissheiten. Im Gegenteil, an kaum einer anderen Stelle tritt das Oszillieren des modernen Wahrheitsbewusstseins so deutlich hervor wie in ihnen. Die Kirchen haben tatsächlich vollbracht, was der Soziologe Helmut Schelsky vor sechzig Jahren gefordert hat: Sie sind Institutionen der Dauerreflexion geworden.

          Die Grenzen dieser Methode stehen mittlerweile aber ebenfalls recht klar vor Augen. Manche religiöse Gehalte lassen sich selbst durch ihre veränderte Interpretation nicht mehr vermitteln. Wer bei Hochzeiten oder Taufen seinen Blick über die fragenden Gesichter in den Stuhlreihen schweifen lässt, dürfte auch ahnen, dass dies für Teile der Liturgie ebenfalls gilt. Und die kirchliche Organisation, welche die Strukturen früherer Jahrhunderte aufrecht erhält, böte ebenfalls Anlass für eine kritische Durchsicht.

          Auf der entgegengesetzten Seite müsste jedoch auch die „Öffnung“ hinterfragt werden, der sich die Kirchen verschrieben haben. Zwar befürchten viele Kirchenleute vermutlich nicht ganz zu Unrecht, schnell wieder in den Ruch autoritärer Bevormundung zu geraten, sobald sie die fordernde Seite des Christentums stärker hervortreten lassen. Insofern hat es schon seinen Sinn, wenn beide Kirchen heutzutage betont offen auftreten und insbesondere die evangelische Kirche alles, was mit „Öffnung“ zu tun hat, fast schon reflexartig gutheißt.

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          Das Manko einer Religion im Modus der Dauerreflexion ist indes nicht ein Mangel an Offenheit, sondern ein Mangel an Bindung. Eine empirische Erhebung nach der anderen führt den Nachweis, dass es den Kirchen unter modernen Bedingungen nur höchst unzureichend gelingt, Menschen neu für den Glauben zu gewinnen. Die Herausforderung besteht also darin, eine Form des Glaubens zu finden, die einerseits dem modernen Anspruch auf Autonomie gerecht wird, andererseits aber auch den fordernden und bindenden Charakter des christlichen Glaubens zur Geltung bringt.

          Einen solchen doppelten Ansatz hat auch Martin Luther bei seiner Reformation verfolgt: Dogmatik, Liturgie und Hierarchie wollte er auf ein notwendiges Minimum beschränken. Das war der autoritätskritische Teil seines Projekts. Zugleich schärfte der Reformator jedoch ein, dass im Mittelpunkt des christlichen Glaubens das Gewissen und die Buße stehen. Im Christentum geht es also um eine Beziehung mit bindender Wirkung. Dies geschah im 16. Jahrhundert zwar unter gänzlich anderen, in religiöser Perspektive vermutlich deutlich komfortableren Bedingungen als heutzutage. Vielleicht wäre es dennoch einen Versuch wert, sich auch jenseits des historischen Grabens, der die Gegenwart vom 16. Jahrhundert trennt, von Luther anregen zu lassen.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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