https://www.faz.net/-gpf-70don

Ganztagsschul-Ausbau : „Reise in die Zukunft ohne klares Ziel“

  • Aktualisiert am

Essensausgabe in einer Ganztagsschule in Hamburg Bild: dpa

Jede zweite Schule unterrichtet mittlerweile ganztags. Das ergab eine Studie des Deutschen Jugendinstituts. Dabei fehlt es aber an übergreifenden Konzepten. Bildungspolitiker fordern, das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern auch für Schulen aufzuheben.

          Jede zweite Schule unterrichtet mittlerweile ganztags - dabei fehlt es aber angesichts unterschiedlicher Organisationsformen des Schulalltags an
          übergreifenden Konzepten. Dies geht aus einer am Dienstag vorgestellten Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung hervor. Demnach gleicht der seit zehn Jahren vorangetriebene Ganztags-Ausbau einer „Reise in die Zukunft ohne klares Ziel“.

          Der Studie nach machten 51,1 Prozent der Schulen im Schuljahr 2010/11 Ganztagsangebote - acht Prozent mehr als im Schuljahr zuvor. Die meisten Ganztagsschulen gibt es demnach in Sachsen mit 96,5 Prozent aller Schulen. In dem ostdeutschen Bundesland nutzen mit 73,3 Prozent auch die im Ländervergleich meisten Schüler Ganztagsangebote. Die wenigsten Ganztagsschulen weist Sachsen-Anhalt mit 24,6 Prozent aller Schulen auf. Den
          deutschlandweit geringsten Anteil von Schülern, die ganztägig zum Unterricht gehen, hat Bayern mit 10,5 Prozent.

          Große Unterschiede in der Gestaltung

          Besonders große Möglichkeiten zur Förderung des sozialen und kognitiven Lernens bescheinigt die Untersuchung der sogenannten gebundenen Ganztagsschule, in der die Teilnahme am ganztägigen Unterricht für alle Schüler verbindlich ist. Zugang zu solchen Ganztagsschulen haben aber nur 12,7 Prozent der Schüler. Die gebundene Ganztagsschule biete gegenüber der offenen Ganztagsschule „die besseren Rahmenbedingungen, um jedes Kind individuell zu fördern“, unterstrich das Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, Jörg Dräger.

          Nach Einschätzung des Bildungsforschers Thomas Rauschenbach als Autor der DJI-Studie brachte der Ausbau der Ganztagsschulen bislang höchst unterschiedliche Organisationsformen und Typen hervor: Offene, gebundene oder teilgebundene Ganztagsschulen, also mit freiwilliger bis verpflichtender Teilnahme, unterschieden sich voneinander deutlich in Zeitstruktur, Kooperationen, Angeboten und individueller Förderung.

          Bildungspolitiker wollen Kooperationsverbot aufheben

          Damit die Ganztagsschule ihr Potential ausschöpfen kann, nennt die DJI-Studie drei wesentliche Faktoren: Erstens eine regelmäßige Teilnahme aller Schüler, zweitens eine hohe Qualität der Lernangebote und drittens eine Einbettung in kommunale Bildungslandschaften - also die Zusammenarbeit etwa mit Kindertagesstätten, anderen Schulen, Ausbildungsbetrieben, Musikschulen und Sportvereinen.

          Der SPD-Bildungsfachmann Ernst Dieter Rossmann wertete die Studie als Beleg dafür, dass der weitere Ausbau des Ganztagsangebots „sinnvoll, machbar und bezahlbar“ sei. Neben dem weiteren Ausbau der Plätze müsse auch die Bildungsqualität gleichrangig gefördert werden. „Vor allem müssen Bund und Länder hier dauerhaft zusammenarbeiten können. „ Das im Grundgesetz verankerte Kooperationsverbot für Bund und Länder in der Bildungspolitik, das eine direkte Bildungsförderung des Bundes verbietet, müsse gänzlich abgeschafft werden. Union und FDP erwägen hingegen eine Lockerung des Verbots nur für Hochschulen und Forschung.

          Auch die Linkspartei-Bildungspolitikerin Rosemarie Hein verwies darauf, dass die Länder und Kommunen die Kosten für die inhaltliche und personelle Ausstattung sowie den dauerhaften Betrieb von Ganztagsschulen allein aufbringen müssten. „Damit sich auch der Bund am Ausbau von Ganztagsschulen finanziell beteiligen kann, ist die Aufhebung des Kooperationsverbots zwischen Bund und Ländern für den gesamten Bildungsbereich notwendig.

          Weitere Themen

          Warum der IS weiter gefährlich bleibt

          Sieg über Terrormiliz : Warum der IS weiter gefährlich bleibt

          Dem „Islamischen Staat“ wurde das letzte Stück seines Territoriums genommen. Dauerhaft besiegt werden kann er aber nur, wenn ihm politisch der Boden entzogen wird – und sich die nahöstlichen Regime grundlegend ändern.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.