https://www.faz.net/-gpf-95wrj

Ende der Sondierungsgespräche : Ein bisschen Freude

  • -Aktualisiert am

Horst Seehofer (CSU), Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) präsentieren die Ergebnisse der Sondierungsgespräche. Bild: Jens Gyarmaty

Die Parteichefs haben nach einem fast 24-stündigen Schlussspurt ihre Sondierungsergebnisse vorgestellt. Euphorie kam dabei nicht auf, aber vorsichtiger Optimismus. Der SPD steht der schwierigste Teil erst noch bevor.

          2 Min.

          Am Ende lachen sie doch. Und zwar, als Martin Schulz sich bei den Mitarbeitern aller Parteizentralen bedanken möchte, dass sie die fast 24-stündige Marathonsitzung durchgestanden haben. Also dankt er dem Willy-Brandt-Haus, dem Konrad-Adenauer-Haus ... schaut zu Seehofer und fragt: „Wie heißt euer Haus in München?“ Und Seehofer, mit vor Stolz und Empörung zitternder Stimme und bayerisch gerolltem R: „Franz Josef Strauß!“ Da muss sogar Merkel lächeln.

          Ansonsten aber ist die Stimmung wenig euphorisch. Das schlechte Wahlergebnis aller drei Parteien, das vormalige Nein der SPD zur Groko mit anschließender Kehrtwende und der Widerstand in der sozialdemokratischen Basis ist den Sondierern nur allzu bewusst.

          Fast einen Tag lang haben sie verhandelt, gerungen, das Ende der Sondierungen bis in den nächsten Tag verschoben. Am Ende steht ein Papier, das einstimmig bei einer sozialdemokratischen Enthaltung angenommen wurde – und die Einsicht, dass ein noch schwierigerer Teil kommen wird. Nämlich, die SPD-Basis von einer abermaligen großen Koalition zu überzeugen. Kommendes Wochenende entscheidet ein Parteitag über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen, zu einem möglichen Koalitionsvertrag gibt es eine Mitgliederbefragung. Schon jetzt formiert sich Widerstand.

          „Das sind am Ende immer Kompromisse, die man eingehen muss“, ist dann auch einer der ersten Sätze, die Martin Schulz vor Pressevertretern im Willy-Brandt-Haus sagt, als er zusammen mit Merkel und Seehofer die Ergebnisse der Sondierungsgespräche vorstellt. Man habe gerungen, sehr intensiv gerungen. Aber: „Wir haben hervorragende Arbeit geleistet.“ Schulz spricht von Erneuerung und Aufbruch und dass die Koalition verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen wolle. Er sieht müde aus, übernächtigt, was nach einer solchen Sitzung auch kein Wunder ist.

          Schulz lächelt kaum, er überlässt es sogar Seehofer zu verkünden, dass man sich auf eine Grundrente geeinigt habe – allerdings nur für „Versicherte, die 35 Jahre an Beitragszeiten oder Zeiten der Kindererziehung beziehungsweise Pflegezeiten aufweisen“. Ein sozialdemokratisches Herzensanliegen ist es dennoch.

          Ein „Papier des Gebens und Nehmens“

          Wirkliche Begeisterung versprüht Schulz erst, als er davon spricht, dass Deutschland wieder eine starke Rolle in einem starken Europa spielen wolle und werde. Das sei ein großer gemeinsamer Wunsch und gemeinsames Ziel aller drei Parteien gewesen.

          Auch Merkel spricht von einem „Papier des Gebens und Nehmens“, das es Deutschland ermöglichen werde, auch in zehn oder fünfzehn Jahren gut zu leben. Sie unterstreicht Zukunftsinvestitionen in Pflege und Rente, verspricht 15.000 neue Stellen für Polizisten und Investitionen in Wohnung, Verkehr und Energiewende. Auch sie ist sichtlich erschöpft. Sie sei sich nicht sicher gewesen, dass die Sondierungen gelingen, gibt Merkel schließlich zu. „Es gab Stockungen, aber die Richtung war immer die gleiche.“

          Es ist dann Horst Seehofer, jener Parteichef, den viele schon abgeschrieben hatten, der die überzeugendste Vorstellung abliefert. Er sei sehr glücklich, sagt er, dass seine Zuversicht am Beginn der Sondierungen berechtigt gewesen sei. „Wir haben gezeigt, was Politik kann.“ Dieses Ergebnis solle den Menschen, die ihn und die anderen beiden Parteien bei der Wahl abgestraft haben, zeigen: „Wir haben verstanden.“

          Seehofer erwähnt die Grundrente, Verbesserungen in der Pflege und einen Rechtsanspruch bei Grundschülern. Er betont den Zusammenhalt während der Sondierungen und wünscht Martin Schulz viel Glück beim anstehenden Parteitag. Die CSU werde ihre Entscheidung am Montag treffen. „Ich bin mit dem Ergebnis für meine Partei hochzufrieden“, sagt er noch.

          Es ist der Moment, als Schulz seufzt und durch das gläserne Dach des Willy-Brandt-Hauses in den grauen Himmel schaut.

          Weitere Themen

          Entrüstung nach tödlichem Polizeieinsatz

          Kanada : Entrüstung nach tödlichem Polizeieinsatz

          In Amerika und weltweit sorgt der Tod von George Floyd für Bestürzung. Nachdem im Nachbarland Kanada ein Polizist eine Frau erschossen hat, entflammt auch dort eine Rassismus-Debatte. Premierminster Trudeau schaltet sich ein.

          Topmeldungen

          Sportler-Kampf gegen Rassismus : Wie protestiert man richtig?

          Nach dem Tod des wehrlosen Afroamerikaners George Floyd beteiligen sich deutsche Sportler in den Vereinigten Staaten am Kampf gegen Rassismus und Polizeibrutalität. Aber das ist heikel. Manche Proteste führen zu Unverständnis und Spott.

          Fall Maddie McCann : An der Tür hängt kein Schild mehr

          Steckt der Deutsche Christian B. hinter dem Verschwinden von Madeleine McCann? Und hat er gar noch weitere Opfer? Eine Spurensuche an der Algarve, in England und in Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.