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Europa : Mit neuen Ideen zu mehr Wahlbeteiligung

  • -Aktualisiert am

Dieter Makowski hält vor dem Kölner Dom die Europafahne hoch. Bild: jant.

Kaum jemand interessiert sich für die Europawahl? Die Kampagne „Diesmal wähle ich“ will das mit Freiwilligen ändern. In Köln trotzen eine Ortsgruppe und eine Influencerin dabei sogar schlechtem Wetter.

          Ein Samstag auf der Kölner Domplatte: Etwa 20 Leute bauen Stehtische und ein Glücksrad auf, in einer Kiste haben sie Flyer, Fähnchen und Luftballons dabei. Die meisten von ihnen tragen blaue Pullover. Eine ganz gewöhnliche Promo-Truppe? Nicht ganz: Werben wollen sie schon, aber nicht für ein Produkt, sondern für die Teilnahme an den anstehenden Europawahlen. Auf ihren Hoodies sind deshalb auch die zwölf Europasterne zu sehen.

          Geplant hat die Aktion die Gruppe „Diesmal wählt Köln“. Sie ist Teil der institutionellen und überparteilichen Kampagne „Diesmal wähle ich“ des Europaparlaments, das sich mehr Wahlbeteiligung erhofft. In Deutschland betrug die Beteiligung bei der vorherigen Wahl im Jahr 2014 genau 48,1 Prozent, EU-weit waren es sogar nur 42,6 Prozent. Statt vorrangig auf schlichte Plakate zu setzen, probiert man es in diesem Jahr mit einem interaktiven Ansatz: Auf der zugehörigen Internetplattform können die Bürger nicht nur Info-Material anfordern und werden per Mail an die Europawahl erinnert, sondern auch Einladungen an Freunde schicken – oder sich, wie in Köln, in einer Ortsgruppe engagieren.

          Die Freiwilligen sind bunt gemischt, teilen aber ähnliche Vorstellungen von der EU. Für die 22 Jahre alte Studentin Antonia Sommer kam nach einer Brüssel-Exkursion der Wunsch auf, sich für die Europäische Union einzusetzen. Denn die verbindet sie vor allem mit Frieden, Sicherheit und Solidarität. Was derzeit mit dem Brexit in Großbritannien geschehe, solle nicht auch Deutschland passieren, sagt sie. Weil sie sich im Moment mit keiner Partei identifizieren kann, hat sie im Internet nach anderen Möglichkeiten gesucht, um sich einzubringen – und ist auf die Kampagne des Europaparlaments gestoßen. Auch Sascha Mattern, der Dozent und Berater ist, hat aktiv nach einem Engagement für Europa gesucht. „Ich erinnere mich noch an ein Europa mit Grenzen“, sagt der 49-Jährige. Dahin wolle er schon allein aus praktischen Gründen auf keinen Fall zurück: Er stammt aus der Nähe von Aachen und genießt es, jederzeit nach Holland reisen zu können. Ein Freiwilliger antwortet auf die Frage, warum er sich engagiere, im Vorbeigehen: „48 Prozent Wahlbeteiligung, das sagt doch schon alles.“

          Die Leute aus ihrer Lethargie wecken

          Das Paar Dieter und Pia Makowski, 63 und 57 Jahre alt, ist über Pulse of Europe zu der Flyeraktion gestoßen. Sie glauben, die Vorteile der EU seien für viele zu einer Selbstverständlichkeit geworden. „Die Leute sollen nicht zu spät aus ihrer Lethargie erwachen. Zusammen sind wir doch viel stärker, als Wirtschaftsgemeinschaft zum Beispiel. Einen Handelsvertrag wie vor Kurzem mit Japan hätten wir alleine nicht abschließen können“, sagt Pia Makowski. Die Kölner Influencerin Diana zur Löwen wurde von einer Kampagnenmitarbeiterin angesprochen, weil sie sich auf ihrem Kanal auch mit politischen Inhalten beschäftigt – und hat sich daraufhin entschieden, die Kölner Ortsgruppe zu unterstützen. „Das Thema liegt mir schon länger am Herzen. Die EU zersplittert gerade. Dabei brauchen wir ein starkes Europa, gerade gegen große Konzerne wie Google oder Amazon“, sagt die 23-Jährige, die mehr als 730.000 Follower auf Instagram hat. 

          In den nächsten Wochen will die Gruppe ihre Mitbürger deshalb wieder für den europäischen Grundgedanken und die Wahlen begeistern. Das Flyern am Kölner Dom soll der Auftakt sein. Mit dem Glücksrad und einem Quiz wollen sie die Neugierde der Passanten wecken, an den Stehtischen soll über die EU gesprochen werden – so ist zumindest der Plan, der an diesem Tag jedoch von einem Sturmtief durcheinander gewirbelt wird. In Wind und Nieselregen sind die Begegnungen eher kurz: Während manche Passanten stolz verkünden, sie wollten ohnehin wählen gehen, machen andere einen Bogen um die Truppe. Wieder andere zeigen sich interessiert und erzählen, dass sie nicht wüssten, welche Partei sie wählen sollten. Doch der Sturm treibt auch sie schnell weiter.

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