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Reformationsjubiläum : Kompass für die Welt

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Bild: ZB

Der Westen hat allen Grund, das Reformationsjahr 1517 in Erinnerung zu rufen und die Neuzeit neu zu begründen.

          9 Min.

          Was sollen eigentlich historische Gedenktage? Warum reden wir über 1914 oder denken zwei Jahrhunderte zurück an Waterloo oder an Prinz Eugens Sieg über die Türken vor 300 Jahren? Wem Schlachten nicht liegen, der wird vielleicht lieber zurückdenken an die Veröffentlichung der „Lettere solari“ von Galileo Galilei vor 400 Jahren - oder demnächst an 500 Jahre Reformation.

          Mit dem historischen Gedenken findet eine Welt zu sich, und sie erfindet sich zugleich. Als sich das kriegführende Deutschland 1917 an den Thesenanschlag zu Wittenberg erinnerte, sah man in Luther - ähnlich wie ein Jahrhundert zuvor - den Nationalhelden. Für Zeitungen war der Wittenberger Reformator damals „wohl der deutscheste Mann, den es je gegeben“. Wer so viel durchsichtige Geschichtspolitik in das Gedenken legt, beraubt sich allerdings der Chance, zu lernen und zu begreifen.

          Sind wir heute also reifer geworden, oder begehen wir dieselben Fehler der Verzerrung? Was sieht man, wenn die bundesrepublikanische Gesellschaft ein halbes Jahrtausend Reformation begeht?

          Kirchen und Staat, Orte und Einrichtungen mühen sich redlich, um das große Ereignis und den großen Graben als epochales Geschehen mit weltpolitischen Folgen zu deuten. Gehör finden womöglich aber auch andere, die auf der immerwährenden Suche nach historischen Skandalisierungen sind. Sie reduzieren die Reformation auf die Person des Reformators und zitieren aus seinen Spätschriften verstörende antijüdische Traktate. Aus dem mit der Reformation aufbrechenden Konflikt bis hin zum grausigen Dreißigjährigen Krieg werden Belege gesammelt für den fanatischen Fundamentalismus Luthers oder auch die Menschenverachtung seiner päpstlichen und kaiserlichen Gegner. War bei inzwischen länger zurückliegenden Gedenktagen Luther für die politische Rechte ein früher Held nationaler Selbstbehauptung und für die politische Linke eher ein gescheiterter Revolutionär, der sich besser mit Thomas Müntzer an die Spitze der rebellierenden Bauern gesetzt hätte, so präsentiert uns heute manch einer Luther als Vordenker des Holocaust und Ahnherrn eines religiös motivierten Terrorismus.

          Solche Deutungsmuster sind gewiss historisch krude, aber sie atmen doch auch einen dekonstruierenden Zeitgeist. Wer hinter die starken Worte und Anklagen sieht, spürt Selbstzweifel und Angst einer westlichen Welt, die allmählich in die globale Defensive gerät. Es ist die Verwirrung einer Welt, die so lange an ihren Wurzeln gezerrt hat, dass sie nun Angst vor dem ersten Windstoß bekommt. Was ist denn aus dem glänzenden Sieger des Kalten Krieges geworden?

          In der arabischen Welt bedarf es vielerorts der Gewehrläufe, um westliche Werte zu sichern. Vor der Gewalt Russlands fürchten wir uns, die Potenz Chinas beeindruckt uns, unkritisch. Im Inneren lebt der Westen gut mit offenen Grenzen und hoher Mobilität, die Wirtschaft ist stabil. Aber spätestens seit der Weltfinanzkrise zeigen sich deutliche Risse im Fundament. Wir beobachten die Gleichzeitigkeit einer Internationalisierung der Oberschichten und den als populistisch wahrgenommen dumpfen Protest derjenigen, die sich als Globalisierungsverlierer definieren.

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