Leserbriefe vom 18. August 2020

Frauenquote +++ Libanon +++ Energiewende +++ Lyrik
Paternalistische Worte
Leser Peter Herrmann, qua göttlichem Privileg in das einzig wahre, mit geistigen Gottesgaben gesegnete, nämlich männliche Geschlecht hineingeboren, schwingt sich in seinem Leserbrief „Wieso sollte das Geschlecht entscheiden?“ in der F.A.Z. vom 28. Juli zum Thema Frauenquote als Pater Patriae dazu auf, das deutsche „Vaterland“ (natürlich nicht das Mutterland) und damit auch gleich die CDU vor der bösen Frauenquote zu retten, weil . . . ja, weil die Frau doch nur einen natürlichen Platz in dieser Gesellschaft haben kann: den an der Wiege des Kindes, am Herd in der Küche und auf den Knien vor dem Altar.
„Als Mann möchte ich nicht, dass sie eine schwere Arbeit (nämlich Politik) verrichten sollen“ und „Müttern“ ist es aufgetragen, ihre Kinder zu erziehen“ sind die paternalistischen Worthülsen, mit denen Herr Herrmann Frauen das Recht abspricht, sich gleichberechtigt in der Politik einzubringen und dies nun auch noch per Frauenquote vorantreiben zu wollen. Denn: „Allerdings entsteht manchmal der Eindruck, einige möchten sich lieber mit Reden im Beruf, insbesondere in der Politik profilieren“, und da muss man als überlegener Mann doch gleich mal einen Riegel vorschieben, so geht das ja nicht im Land und in der Partei von Konrad Adenauer!
Ich gehöre der Generation Frauen an, der man in den 1970er und 1980er Jahren versprochen hat, wenn wir Frauen nur genauso gut ausgebildet sind wie die Männer, dann würde sich die gläserne Decke für uns von ganz allein in Luft auflösen. Ich habe als Frau akademisch alles erreicht und habe mit den konkurrierenden Männern regelmäßig gleichgezogen oder sie übertroffen und trotzdem auch immer wieder die angeblich nicht existenten Geschlechtergrenzen genau von solchen Männern wie Herrn Herrmann vor die Füße geschmettert bekommen: Was sei man doch für eine Rabenmutter, wenn man das eigene Kind auch mal in einer Krippe betreuen lasse (Zitat Leserbrief: „Kitas . . . sollten nur eine Hilfe sein“), oder was man sich anmaße, jetzt auch noch eine zusätzliche hochqualifizierte Frau für ein Entscheidungsgremium vorzuschlagen, dann wären doch tatsächlich die Frauen in der Überzahl, und das ginge ja gar nicht. Die Gesellschaft hat sich nur in sehr kleinen Schritten weiterentwickelt hin zur im Grundgesetz geregelten Gleichberechtigung der Frau. Und die immer noch existierende Phalanx aus männlichen Entscheidungsträgern, die um keinen Preis Macht an weibliche Führungskräfte abtreten möchte, ist auch in Zeiten hochqualifizierter Frauen kaum kleiner geworden. Wissenschaftliche Studien zeigen eindeutig, dass zum Beispiel der Gender Pay Gap sich bei inzwischen angeglichenem Bildungsniveau beider Geschlechter in großen Teilen aus der „Child Penalty“ für Mütter ergibt, während sich Väter sogar über einen „Child Gain“ freuen dürfen. Ohne Frauenquote ändert sich offensichtlich nichts, wie man auch schön an der Entwicklung der Anzahl von Frauen in DAX-Vorständen geradezu idealtypisch sehen kann: Fortschritt in den letzten 20 Jahren quasi null!
Solange Männern wie Leser Herrmann Plattformen geboten werden, ihre sexistischen Ideen aus der Mottenkiste als rationale Argumentation zu verkaufen, so lange wird es der im Grundgesetz seit 71 Jahren verankerte Grundsatz der gleichen Rechte unabhängig vom Geschlecht schwer haben, im Bewusstsein aller Deutschen endgültig anzukommen, und selbst unsere Töchter werden weiterhin an gläserne Decken stoßen!
Professor Dr. Patricia Feldhoff, Hanau





