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Terror und Kriminalität : Sicherheit ist ein Gefühl

Immer griffbereit: Viele Amerikaner horten zuhause Waffen. Bild: Getty

Das Attentat von Las Vegas kratzt an der sehr amerikanischen Unterscheidung zwischen Kriminalität und Terrorismus. Längst nicht mehr alle Amerikaner fühlen sich sicher.

          6 Min.

          Am Morgen nach dem Attentat von Las Vegas saßen wir mit drei Amerikanern am Tisch. Man sah ihnen an, dass sie den Abend zuvor auf dem Oktoberfest in München verbracht hatten, in Lederhosen und Dirndl und mit ungezählten Maß Bier. Zwischendurch hatten sie auf ihre Handys geschaut, Eilmeldungen aus der Heimat. Aber sie hatten sich nicht den Abend davon verderben lassen. Es sei ja viel passiert in den letzten Jahren, sagte einer.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der andere mutmaßte, leicht sarkastisch, als Nächstes werde bestimmt darüber diskutiert, ob Leute in Hochhäusern noch Waffen besitzen dürften. Und wie wäre es, fragten wir, wenigstens in Hotels so streng wie am Flughafen zu kontrollieren, dass Leute keine Waffen dabeihaben? Nein, das fanden alle drei unpraktikabel, viel zu aufwändig.

          Europa ist ihnen zu gefährlich

          Die Gäste müssen gespürt haben, dass uns diese Antworten nicht befriedigten. Vermutlich sahen wir sogar ziemlich entsetzt aus, die Bilder aus dem Fernsehen im Kopf. Hilflose Menschen, die sich auf den Boden werfen und nicht ahnen, dass sie sich damit erst recht dem Täter ausliefern. Das Dauerfeuer, minutenlang. Die Angst in den Gesichtern der Überlebenden. Einer der drei Gäste gab dem Gespräch eine neue Wendung. In Amerika, sagte er, müsse man sich wirklich keine Sorge um seine Sicherheit machen. Schließlich würden die Behörden alles tun, um Terroristen auszuschalten, bevor die zuschlagen könnten. Deswegen habe es nach 9/11 auch keine schweren Anschläge mehr gegeben. Maximale Härte, alles überwachen und abhören, Häuser durchsuchen. In Europa sei das offenbar anders – da könnten sich Terroristen ja umstandslos mit Kalaschnikows bewaffnen. Amerikaner würden sich deshalb dreimal überlegen, ob sie noch nach Paris oder London fliegen.

          Das waren nun die Ansichten von drei Amerikanern, alle in den Zwanzigern. Einer erzählte, dass er sich noch ein paar Waffen zugelegt hatte, bevor er nach Kalifornien gezogen war, weil die Waffengesetze dort strenger sind. Der andere hatte keine Waffe, und die dritte hörte etwas gelangweilt zu. Vielleicht wäre das Gespräch ganz anders verlaufen, wenn andere Leute am Tisch gesessen hätten. Vielleicht auch nicht. Dass Amerikaner in Sorge sind wegen der Terroranschläge in Europa, haben wir zuletzt öfter gehört. Und dass sie nach Massenerschießungen in ihren Städten schnell wieder zur Tagesordnung übergehen, ist auch nicht so neu. Littleton, Aurora, Newtown – fast schon vergessen.

          Argumente würden kaum Einsicht bringen

          Es hilft in solchen Gesprächen immer, wenn man ein paar Zahlen parat hat. Hatten wir natürlich nicht. Aber hier sind sie: Für unsere drei Kalifornier ist es 49-mal wahrscheinlicher, dass sie in Amerika mit einer Schusswaffe getötet werden als in Europa. Das hat etwas mit der Zahl der Waffen zu tun, die ganz legal im Umlauf sind: Während nur einer von zwanzig Deutschen eine Waffe besitzt, trifft das in Amerika auf fast jeden der 320 Millionen Einwohner zu.

          Rein statistisch natürlich. Tatsächlich hat wohl jeder Vierte Waffen, und zwar mehrere. Drei Prozent der Bevölkerung besitzen die Hälfte aller Waffen, 17 pro Person. Die Zahl derjenigen, die durch Schusswaffen ums Leben kommen, war schon 2001 zehnmal größer als die Zahl der Opfer von 9/11.

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