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Papst über Ukraine : „Wir befinden uns in einem Weltkrieg“

Papst Franziskus am Donnerstag auf dem Weltkongress der Religionen in der kasachischen Hauptstadt Nur-Sultan Bild: Imago

Papst Franziskus wird vorgeworfen, sich nicht entschieden genug auf die Seite der Ukraine zu stellen und Putin zu schonen. Jetzt hat er erstmals Waffenlieferungen an Kiew als moralisch vertretbar erklärt. Aber nur unter bestimmten Bedingungen.

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          Papst Franziskus hat zum ersten Mal öffentlich Waffenlieferungen an die Ukraine unter bestimmten Bedingungen als moralisch vertretbar bewertet. Es sei nicht nur erlaubt, seine Heimat mit Waffengewalt gegen einen Angriff von außen zu verteidigen, dies sei als „Ausdruck der Liebe zum Vaterland“ auch moralisch geboten, sagte er am Donnerstagabend während des Rückflugs von Kasachstan nach Rom vor mitreisenden Journalisten. Die Entscheidung, ein Opfer von Aggression bei der Selbstverteidigung zu unterstützen, sei deshalb mit Blick auf die kirchliche Lehre vom gerechten Krieg ebenfalls moralisch gerechtfertigt.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Auf der anderen Seite könne die Entscheidung zu Waffenlieferungen aber auch „unmoralisch sein“, sagte der Papst weiter, sofern „dahinter die Absicht steht, den Krieg anzuheizen oder Waffen zu verkaufen oder wegzugeben, die man selber nicht mehr gebrauchen kann“. Es sei deshalb die Motivation dessen, der die Waffen liefere, die „zu großen Teilen den moralischen Charakter dieses Tuns bestimmt“.

          Franziskus: „Wir befinden uns in einem Weltkrieg“

          Papst Franziskus hatte sich bislang nicht in dieser Deutlichkeit zu Waffenlieferungen und dem Recht der Ukraine auf Selbstverteidigung geäußert. Anfang Mai antwortete er in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung „Corriere della sera“ auf die Frage, ob es richtig sei, der Ukraine Waffen zu liefern: „Das kann ich nicht sagen, dafür bin ich zu weit entfernt“. Lediglich Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin und der vatikanischen Außenminister Paul Gallagher hatten das Recht der Ukraine auf Selbstverteidigung ausdrücklich bekräftigt. Zuvor war der Vorwurf immer lauter geworden, der Vatikan stelle sich nicht deutlich genug auf die Seite der Ukraine und nenne Putin nicht ausdrücklich als Aggressor.

          Papst Franziskus hatte in Nur-Sultan an einem zweitägigen Treffen von Religionsführern teilgenommen und dabei einen größeren Einsatz für den Frieden in der Welt gefordert. „Alle reden immer vom Frieden“, wiederholte der Papst bei der traditionellen Pressekonferenz im Flugzeug einen Gedanken, den er in Kasachstan mehrfach in Reden geäußert hatte: „Seit 70 Jahren reden die Vereinten Nationen vom Frieden. Aber wie viele Kriege toben heute wieder?“ Auch die Einschätzung, dass „wir uns in einem Weltkrieg befinden“, wiederholte der Papst vor den mitreisenden Journalisten im Flugzeug.

          Franziskus bekräftigte die Überzeugung, dass der Faden des Dialogs auch in Kriegssituationen nie abreißen dürfe. Natürlich sei es „immer schwierig“, mit Staaten zu sprechen, die einen Krieg vom Zaun gebrochen hätten. „Aber wir dürfen es nicht für aussichtslos erklären, wir müssen die Möglichkeit eines Dialogs mit allen – mit allen! – offenhalten. Denn im Dialog gibt es immer die Möglichkeit, dass sich Dinge ändern, dass man auch andere Ansichten vorbringt. Ich schließe den Dialog mit keiner Macht aus – ob sie im Krieg steht oder ob sie der Angreifer ist. Ein solcher Dialog ist nötig: Er mag sozusagen stinken, aber er ist notwendig.“

          Ein am Rande des Religionskongresses in Nur-Sultan geplantes Treffen des Papstes mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill I. war wegen der kurzfristigen Absage aus Moskau nicht zustande gekommen. Stattdessen tauschte sich Franziskus mit dem Chef der russischen Delegation, Metropolit Antonij, aus. Dieser erklärte nach dem Gespräch, dass die russisch-orthodoxe Kirche weiterhin ein Treffen der beiden Kirchenoberhäupter für wichtig und erstrebenswert halte.

          Zum Austausch mit China sagte Franziskus, dieser sei schwierig und fordere viel Geduld. „Um China zu verstehen, braucht es ein Jahrhundert. Aber wir leben kein Jahrhundert“, sagte Franziskus. Der chinesische Lebens-, Kultur- und Geschichtsrhythmus sei anders, viel langsamer. Doch für das gegenseitige Verständnis müsse der Weg des Dialogs eingeschlagen werden. „Es ist nicht einfach, die chinesische Mentalität zu verstehen“, so der Papst. Derzeit verfüge Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin beim Heiligen Stuhl über das meiste Wissen über China.

          Der Vatikan steht offenbar kurz vor der Verlängerung des geheimen und provisorischen Abkommens mit Peking über die einvernehmliche Ernennung von Bischöfen vom September 2018 um zwei weitere Jahre.

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