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Die Ukraine vor den Parlamentswahlen : Sehnsucht nach Frieden und neuen Gesichtern

Alles, nur kein Oligarch: Ljaschko mit Anhängern in Lemberg Bild: Picture-Alliance

Je länger Putins Krieg im Donbass dauert, desto mehr Zuspruch bekommen die Radikalen in der ukrainischen Politik. Oleh Ljaschko liegt in Umfragen auf Platz zwei. Für ihn interessiert sich derweil auch Amnesty International.

          In der Welt des Oleh Ljaschko scheint es nur zwei Möglichkeiten zu geben: Kapitulation oder Kampf, Verrat oder Heldentum. Der Waffenstillstand in der Ostukraine ist in seiner Lesart: „Ein Akt des nationalen Verrats und der nationalen Schande“ und „die Kapitulation Präsident Poroschenkos vor Putin“. Aber was kann einer wie Oleh Ljaschko von einem wie Petro Poroschenko schon erwarten? „Er ist ein Oligarch wie alle anderen. Es gibt keine guten Oligarchen. Meine Aufgabe ist es, die Oligarchen von der Macht zu vertreiben“, sagt Ljaschko.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Mit solchen Sätzen ist er innerhalb weniger Monate in die erste Reihe der ukrainischen Politik aufgestiegen. Seine Partei, die „Radikale Partei Oleh Ljaschko“, liegt in Umfragen vor der Parlamentswahl in der Ukraine Ende Oktober konstant auf dem zweiten Platz hinter dem Parteienbündnis des Präsidenten.

          Es ist gerade einmal ein halbes Jahr her, da war Ljaschko nur einer der vielen bunten Vögel, die die ukrainische Politik seit jeher bevölkern: Er war ein einfacher Abgeordneter, der für Unterhaltung sorgte, weil er den rhetorischen Holzhammer so virtuos wie wenige andere schwang, keine der Prügeleien im Parlament ausließ und einmal sogar eine Kuh in das hohe Haus hineinführte. Wenn überhaupt, dann kannten ihn die Leute wegen solcher Aktionen und seiner diversen Skandale, aber wirklich ernst nahm ihn kaum jemand.

          Entführung eines Abgeordneten als Wahlkampfstrategie

          Erste Anzeichen dafür, dass sich das zu ändern begann, waren in den blutigen Tagen vor dem Sturz des Janukowitsch-Regimes zu erkennen. Auch Ukrainer, die Ljaschko sonst für einen zwielichtigen Wirrkopf halten, zollten ihm Anerkennung für seinen Mut, als er sich noch auf die Tribüne des Majdans wagte, als in nächster Nähe scharf geschossen wurde. Doch Ljaschkos eigentlicher Aufstieg vollzog sich mit der zur russischen Besetzung der Krim und der Eskalation des Konflikts im Osten der Ukraine. Je länger Putins Krieg im Donbass dauert, je wahrscheinlicher es scheint, dass die prorussischen Kämpfer sich dort für lange Zeit einrichten und je mehr glaubhafte Berichte es über Entführungen, Folterungen und Ermordungen von Ukrainern dort gibt, desto besser kommen Ljaschkos Sprüche bei vielen Ukrainern an. Bei der Präsidentenwahl Ende Mai kam er mit acht Prozent der Stimmen überraschend auf den dritten Platz. Seither hat seine Popularität eher zugenommen.

          Den Präsidentschaftswahlkampf hatte Ljaschko zu einem großen Teil an vorderster Front zugebracht: Unmittelbar nach der Verkündung seiner Kandidatur, wenige Tage vor dem Anschlussreferendum Mitte März, wagte er sich auf die Krim, zwei Tage später entführte er im Gebiet Luhansk einen prorussischen Abgeordneten, hielt ihn eine Nacht lang fest und stellte anschließend Videoaufnahmen eines von Schlägen begleiteten „Verhörs“ des „Volksfeindes“ ins Netz. Für die Kreml-Propaganda, die russischsprachigen Bewohner der Ostukraine seien nach dem Umsturz von Kiew in Gefahr, war Ljaschko ein Glücksfall.

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