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Streit um Isolationspflicht : Mit Corona umgehen wie die Österreicher

Passanten in der Mariahilfer Straße in Wien (Archivbild) Bild: dpa

In Österreich müssen sich Corona-Positive seit August nicht mehr isolieren, die Schweiz hat die Isolationspflicht schon im April abgeschafft. Die Erfahrungen damit sind gut – und werden von deutschen Politikern als Vorbild angeführt.

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          Wenn Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Schleswig-Holstein demnächst die Isolationspflicht für Corona-Positive aufheben, berufen sie sich auf „Erfahrungen aus Nachbarländern wie Österreich“. Das Ausland ist also Vorbild für diesen Schritt, der Kritik etwa von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) auslöste; er lehnt den Alleingang der vier Bundesländer ab und sieht keinen medizinischen Grund, auf die Isolationspflicht zu verzichten.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.
          Niklas Zimmermann
          Redakteur in der Politik.

          In Österreich gilt seit August, dass niemand mehr automatisch in Quarantäne muss, wenn ein positiver Coronatest vorliegt. Stattdessen gelten „Verkehrsbeschränkungen“. Wer sich nicht krank fühlt, darf mit FFP2-Maske überall hin. Im Freien darf man sie abnehmen, wenn man zwei Meter Abstand zu anderen Personen hält. Wer Symptome hat, muss jedoch zu Hause bleiben und sich krankschreiben lassen. Wer keine Symptome hat, darf nicht nur spazieren gehen, sondern auch zur Arbeit.

          Das gilt auch für Lehrer und im Prinzip auch für Krankenhauspersonal – wobei da fast alle Bundesländer ihre Regelungen verschärft haben, um beispielsweise alle positiv Getesteten nach Hause zu schicken, wenn sie Patientenkontakt haben. Lehrerverbände melden, dass fast alle positiv Getesteten auch Symptome verspürten und deshalb zu Hause blieben. Das dürfte auch daran liegen, dass es keine regelmäßigen Schultests mehr gibt, nur wenige dürften sich also ohne Anlass testen.

          Die Regierung verwies auf Spanien und Dänemark

          Als die Regierung in Wien die Regelung im Juli beschloss, stieß sie keineswegs auf einhellige Zustimmung. Die sozialdemokratische Opposition sprach von „Verantwortungslosigkeit“. Sogar ein eigenes Beratungsgremium der Regierung mahnte, der Schritt sei „mit einer Reihe von unkalkulierbaren Risiken verbunden“. Bundeskanzler Karl Nehammer von der christdemokratischen ÖVP und der grüne Gesundheitsminister Johannes Rauch verwiesen hingegen auf andere EU-Länder wie Dänemark und Spanien, in denen die Isolation bereits abgeschafft worden war, ohne dass es dort zu einer krisenhaften Zunahme von Erkrankungen gekommen wäre. So sind seither auch die Erfahrungen in Österreich.

          Die Zahl aktiver laborbestätigter Fälle ist bis Mitte September zunächst sogar gesunken bis auf etwas über 40.000. Dann kam es zu einer „Oktoberwelle“ mit einem Spitzenwert von rund 135.000, inzwischen liegen die Werte wieder auf dem niedrigen Niveau vom Spätsommer. Wobei: Die Zahl der Testungen ist längst nicht mehr so hoch wie zuvor, als Österreich sich rühmte, „Testweltmeister“ zu sein. Auf eine hohe Dunkelziffer deuten auch Abwasseruntersuchungen hin. Die Krankenhausbelegung stieg wegen der Oktoberwelle an, ohne dass die Kliniken in die Nähe einer Überlastung gekommen wären.

          Häusliche Isolation beendet: Österreichs Kanzler Karl Nehammer (ÖVP) am 15. Januar 2022 in Wien. Seit August müssen sich Corona-Positive sich nicht mehr isolieren.
          Häusliche Isolation beendet: Österreichs Kanzler Karl Nehammer (ÖVP) am 15. Januar 2022 in Wien. Seit August müssen sich Corona-Positive sich nicht mehr isolieren. : Bild: dpa

          Sollten sich die Werte allerdings wieder in bedenklicher Weise entwickeln, will der Gesundheitsminister mit einem Vier-Stufen-Plan reagieren. Dieser reicht von Maskenpflicht über eine Wiedereinführung der Quarantäne bis hin zu allgemeinen Beschränkungen – wobei Lockdowns wohl nur bei einer katastrophalen Entwicklung in Frage kommen würden. Derzeit darf man auch in Bus und Bahn ohne Maske sitzen, außer in Wien. Dort trägt eine Mehrzahl in der U-Bahn dann auch die Maske, es gibt aber immer auch welche, die das „vergessen“, allerdings ohne dass es deswegen zu Aufruhr käme.

          Wer krank ist, soll zuhause bleiben

          Ein weiteres Vorbild neben Österreich nannten die vier deutschen Länder nicht. Doch sicher blickt Baden-Württemberg auf ein Nachbarland, mit dem es eine mehr als 350 Kilometer lange Grenze hat: die Schweiz. Sie hat bereits im April die Isolationspflicht für Corona-Positive abgeschafft.

          Im Unterschied zu Österreich sind auch Infizierte mit Symptomen nicht verpflichtet, zu Hause zu bleiben. Die Maskenpflicht wurde in allen Bereichen abgeschafft, linke Politiker fanden kein Gehör mit der Forderung, sie wenigstens in Krankenhäusern, Zügen und Bussen beizubehalten. Die Empfehlungen lauten auch in der Schweiz: Wer krank ist, bleibt zuhause.

          Mehr als sieben Monate später deuten die Indikatoren nicht darauf hin, dass das Ende aller Maßnahmen die Infektionslage verschlimmert hätte. Inzidenz wie Abwasserproben wiesen bis Anfang Juni auf einen Rückgang hin, bevor die Werte – offenbar wegen der Omikron-Variante BA.5 – auf ein Sommerhoch anstiegen, das für das Gesundheitswesen jedoch zu bewältigen war. Derzeit melden die Behörden in Bern knapp 43 000 aktive Corona-Fälle, die freilich mit Vorsicht zu genießenden offiziellen Zahlen sind damit mit jenen in Österreich vergleichbar.

          Eine Debatte entbrannte in der Schweiz allerdings über die erhöhte Übersterblichkeit. Im „Tages-Anzeiger“ sagte Ivo Karrer, Chefarzt einer Klinik in Winterthur: „Epidemiologisch findet sich ein klarer zeitlicher Zusammenhang zwischen Wellen von starker Virusaktivität gefolgt von Wellen der Übersterblichkeit bei den über Fünfundsechzigjährigen.“ Das Bundesamt für Gesundheit hingegen äußerte, noch keine gesicherten Gründe nennen zu können. Die österreichische Regierung führt die derzeitige Übersterblichkeit auf ein Bündel an Faktoren zurück, an erster Stelle aber nicht auf Corona, sondern auf die Hitzewelle.

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