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Neuinfektionen in Frankreich : Bloß kein zweiter Lockdown

Nur nicht in Panik geraten: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Bild: EPA

Wo hat die neue Ansteckungswelle in Frankreich ihre Ursprünge? Die Regierung laviert um die Frage herum. Ein Arzt aus Marseille geht einen anderen Weg – und muss sich Rassismusvorwürfe gefallen lassen.

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          Nach einem neuen Rekordwert von annähernd 10.000 neuen Covid-19-Fällen setzt Frankreich auf lokal begrenzte Maßnahmen, um das Virus einzudämmen. Der französische Präsident Emmanuel Macron sagte am Freitag, er wolle „nicht in Panik verfallen“, aber „anspruchsvolle, realistische Einschränkungen zur Kontrolle des Infektionsgeschehens“. Macron traf sich am Freitag mit den wichtigsten Ministern für Gesundheit, Inneres, Auswärtiges und Verteidigung zu einem „Covid-19-Verteidigungsrat“ im Elysée-Palast. Premierminister Jean Castex konnte nur per Bildschirm zugeschaltet werden, weil er sich nach einem Kontakt mit dem infizierten Direktor der Tour de France, Christian Prudhomme, in Quarantäne begeben hat.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Nach den Gesprächen sagte Castex, es werde vorerst keine „allgemeinen Ausgangsbeschränkungen“ geben. Stattdessen rief er die Behörden in besonders betroffenen Städten wie Marseille und Bordeaux sowie im Überseegebiet Gouadeloupe auf, bis Montag örtlich begrenzte Maßnahmen vorzuschlagen. Zugleich mahnte er, Abstandsregeln einzuhalten. „Das Virus zirkuliert mehr und mehr in Frankreich. Das Morgen hängt von Ihnen ab, von uns.“

          Zuletzt hatte Frankreich einen Höchststand von Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden verzeichnet. Während das französische Gesundheitsministerium von fast 10.000 neuen Fällen am Donnerstag sprach, zählte die Johns Hopkins University fast 9000 Fälle. Der Premierminister sprach am Freitag von einer „deutlichen Verschlechterung“ der Situation.

          Um der Lage Herr zu werden, sollen Corona-Tests für Menschen mit Symptomen oder Beschäftigte im Gesundheitswesen beschleunigt werden. Die Quarantänezeit wird zugleich von 14 auf sieben Tage verkürzt, um so eine bessere Akzeptanz der Maßnahme zu erreichen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums halten viele Franzosen die Selbstisolation nicht ein.

          Am Freitag wurden zudem weitere Départements als Risikogebiete eingestuft. Insgesamt gelten nun 42 als sogenannte rote Zonen, zuvor waren es knapp 30. Dort haben die lokalen Behörden die Möglichkeit, Maßnahmen zu ergreifen, die das öffentliche Leben einschränken. Zu den roten Zonen zählen etwa der Großraum Paris sowie weite Teile der Mittelmeerküste.

          „Wir sind alle Teil dieses Kampfes“

          Die höchsten Infektionszahlen kommen aus den dicht besiedelten Großstädten, in denen die sozialen Abstandsregeln oftmals aus Platzmangel nicht eingehalten werden. Macron appellierte vor den Gesprächen mit Castex und den Ministern an das Verantwortungsbewusstsein der Franzosen, „denn wir sind alle Teil dieses Kampfes gegen das Virus“.

          Der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Jean-Francois Delfraissy, hatte Alarm geschlagen. Das exponentielle Wachstum der Infektionszahlen sei zutiefst beunruhigend, sagte Delfraissy und forderte „eine gewisse Zahl schwieriger Entscheidungen“. Aber anders als im März zeigte Macron wenig Bereitschaft, den Empfehlungen des Wissenschaftsrates zu folgen. Als demokratisch gewählter Präsident habe er auch andere Aspekte im Blick zu behalten wie „die Bildung unserer Kinder“ und „die Behandlung anderer Krankheiten“.

          Seit Anfang September hat der Präsenzunterricht an allen Schulen wieder begonnen. Im sozialen Brennpunkt Seine Saint-Denis haben sich jedoch 3900 Schüler nicht aus den Ferien zurückgemeldet und sind nicht in die Klassenzimmer zurückgekehrt. Das Bildungsministerium hat Aufklärung versprochen.

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