Serie „Einig Vaterland?“ (22) : Eine friedliche Revolution

Wenn Helmut Kohls Prophezeiung „blühender Landschaften“ je eingetroffen ist, dann auf dem Feld der wissenschaftlichen Bibliotheken der vormaligen DDR. Von deren Transformationsprozess nach 1989 hat sogar das gesamte Bibliothekssystem in Deutschland profitiert.
Am 12. September 1990 wurde in Moskau der Zwei-plus-Vier-Vertrag unterzeichnet. Am selben Tag informierte die Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel über das Thema „Bibliotheken im vereinigten Deutschland“. Das Pressegespräch stand unweigerlich im Schatten der weltpolitischen Vorgänge und fand kaum ein Echo. Doch hatten die Bibliothekare eine Botschaft, die Paul Raabe, der Gastgeber und Nestor der deutschen Bibliothekswissenschaft, so auf den Punkt brachte: „In diesem Moment, in dem es in der DDR auf Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ebenso ankommt wie auf Kenntnis der neuen gesellschaftlichen Wirklichkeit, sind Bibliotheken soziale Pflichtaufgabe.“ Die Nachfrage nach nichtideologischen Publikationen und Informationen aus dem Westen war fast so stark wie die nach der D-Mark. Bibliotheken waren eine unerschöpfliche Quelle in einer Zeit, in der das Internet nur Computerspezialisten bekannt war.
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