Im Brennpunkt der deutschen Nachkriegsgeschichte steht angesichts des Untergangs des Deutschen Reiches, der Verbrechen des Nationalsozialismus und der deutschen Zweistaatlichkeit kontinuierlich die Frage nach der deutschen Identität. Kaum ein innen- und außenpolitisches Thema der Bundesrepublik konnte ihr ausweichen. Die letzte große Diskussion vor der Wiedervereinigung fand im sogenannten Historikerstreit statt.
Das Ergebnis der jahrzehntelangen Debatte war mehr oder weniger die Beerdigung der Idee des deutschen Nationalstaats. Die Bundesrepublik Deutschland verstand sich als „postnationale Demokratie unter Nationalstaaten“ (Karl Dietrich Bracher). Die nationale Idee war in der Vision Europa aufgegangen. Den inhaltlichen Kern der bundesrepublikanischen Identität sollte der „Verfassungspatriotismus“ bilden (Dolf Sternberger). Auch die linken Kritiker der Bundesrepublik identifizierten sich unter diesem Vorzeichen mit dem westdeutschen Teilstaat - und dies am lautesten zum Zeitpunkt der Revolution in der DDR, als die ostdeutsche Bevölkerung ihr gesamtdeutsches Selbstverständnis offenbarte.
Kein Wunder, dass daraus Irritationen entstanden und sich für viele die besorgte Frage stellte, ob die deutsche Wiedervereinigung zu einer Renaissance der nationalen Idee oder gar des Nationalismus führen könnte und wie Deutschland sich nun zur europäischen Integration verhalten würde. Im Vereinigungsprozess selbst wurde Europa bekanntlich gestärkt - nicht zuletzt, um die Verbündeten zu besänftigen. Aber die weitere Entwicklung, etwa das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Lissabon-Vertrag, die Finanzkrise und die Euro-Turbulenzen, hat die Debatte über die Zukunft - nämlich ein mögliches Wiedererstarken des Nationalstaats und die Zweifel an der Finalität der europäischen Integration - befeuert.
Der Streit über die nationale Idee war und ist im Wesentlichen ein Diskurs der intellektuellen und politischen Elite, allenfalls flankiert von demoskopischen Befunden. Es ist der Verdienst der in München lehrenden Ethnologin Irene Götz, darüber hinauszugehen und das Alltagsbewusstsein zu beleuchten. Breit wird in die „Zielsetzungen und Untersuchungsgrundlagen“ sowie in die „empirischen und konzeptuellen Problemzugänge“ eingeführt. Mit den Fragestellungen und Methoden der sich interdisziplinär verstehenden Europäischen Ethnologie soll der „alltägliche Erfahrungsraum und die Inkorporierung von tradierten nationalen Bildern und Botschaften in diesem Raum aus einer Akteursperspektive“ ausgeleuchtet und damit eine Forschungslücke des „derzeit von Zeithistorikern, Politologen und Soziologen viel traktierten Themenfeldes“ ausgefüllt werden.
Als Quellen dienen vor allem teilnehmende Beobachtungen von „Jubiläumsfeiern und anderer Festivalisierungen des Nationalen“, Mediendiskurse sowie biographische Interviews. Von besonderem Interesse ist die Fokussierung der Untersuchung auf große Themen der öffentlichen Auseinandersetzung wie Globalisierung, Forderung nach einer Leitkultur, Einwanderung, doppelte Staatsangehörigkeit und europäische Integration. Hier zeigen sich unterschiedliche und auch schillernde Identifikationsmuster.
Als Ergebnis hält die Verfasserin für die neunziger Jahre ein „Wechselspiel von De- und Renationalisierungsprozessen“ fest, das sie - wie im Postskriptum ausgeführt - auch in der Zeit danach zu erkennen vermag. Es ist ein überaus differenziertes und ambivalentes, ja verwirrendes Bild. Auf der einen Seite setzt sich im Elite-Diskurs der antinationale Zungenschlag der alten Bundesrepublik mit ihrem gebrochenen Nationalbewusstsein fort. Auf der anderen Seite offenbart sich eine „Wiederentdeckung des Nationalen“, aber in neuem Gewande: als „Lifestyle-Events“ wie bei Jubiläen oder als ökonomische „Marke“. Das Nationale stehe dann nicht mehr für „angestaubte Deutschtümelei“, sondern sei Sinnbild für „Innovation und junge Ideen“. Hier zeige sich gleichsam ein Prozess des „Nation-Rebuilding“.
Volks- und Kulturnation
Ganz anders das individuelle Bewusstsein, wie es sich in den Interviews offenbart. Hier überlebten ältere Vorstellungen von der „Volks- und Kulturnation“, auch wenn darin wie in den Intellektuellendebatten die Nachkriegsbrüche sichtbar seien. Dies gilt nicht nur für die Westdeutschen, sondern auch für die Ostdeutschen, für die häufig eine Mischung von in der DDR eingeübten Werten (Solidarität, Gleichheit, Zusammenarbeit) und Nach-Wende-Erfahrungen zu einer neuen ostdeutschen Identität führte. Insgesamt ergibt sich eine Pluralität von Identitäten von der Region bis zu Europa. Spannend sind die Inhalte der offenen Interviews: sozialpsychologische Dokumente. Sie offenbaren die Schwierigkeiten der Deutschen, auf der Grundlage verschiedener Biographien vor allem im Ausland ihre nationale Identität zu reflektieren - nicht zuletzt im Hinblick auf die Belastungen der deutschen Geschichte durch den Nationalsozialismus.
Die These von der Dialektik der De- und Renationalisierung stimmt im Hinblick auf die Zukunft durchaus optimistisch. Der Denationalisierungstrend vom „ethnos“ zum „demos“, von den staatlichen Bürgerrechten zu den kosmopolitischen Menschenrechten schreitet voran und wird von der zunehmenden Einbettung des Staates in die transnationale und globale Verantwortungsgemeinschaft gefördert. Es bleibt dennoch eine Ungewissheit: „Dass angesichts zunehmend ausdifferenzierterer transnationaler Mobilitätsmuster, insbesondere in den urbanen Zentren, ohnehin ,citizenship’ und Teilhabe der (Trans-)Migranten immer häufiger dem Einfluss staatlicher Gouvernance und nationaler Ordnungsmuster entzogen sind, begünstigt dabei jedoch auch wieder das Aufflackern kulturalistisch eingefärbter Verteilungskämpfe und Rassismen mit Grenzziehungen zwischen einem ,Wir’ und ,den Anderen’ (zum Beispiel den ,Nicht-Aktivierbaren’ in den sogenannten ,Parallelgesellschaften’).“
Stilistische Zumutungen
Eine andere Form der Grenzziehung demonstriert dieses komplexe Zitat: die Grenze der stilistischen Zumutung für den Leser dieses Buches. Es ist kein akademisches Gebot, dass Habilitationsschriften in einem derart verqueren Stil abgefasst sein müssen. Erschwert wird die Lektüre zudem durch eine überbordende inhaltliche Redundanz - beispielsweise durch konzeptuelle Einführungen, die inhaltlich manches vorwegnehmen.
Methodisch problematisch sind das Mäandern zwischen den unterschiedlichen Handlungsfeldern und die Kriterien für die Selektion des Untersuchungsmaterials, insbesondere bei der Medienanalyse, aber auch bei der Auswahl von Jubiläen, Festen und Interviewpartnern. Der Eindruck der Willkürlichkeit drängt sich auf. Die zahlreichen Zusammenfassungen setzen durchaus unterschiedliche Akzente, die man nur bei gutem Willen der Dialektik des Ergebnisses zuordnen kann.
Angesichts der Fülle von Themen und Fragen ist es schade, dass die Verfasserin sich offensichtlich nur an einen engen Leserkreis aus ihrer Fachdisziplin wendet. Aber trotz aller Kritik: Wer sich für die Frage der nationalen Identität und die mögliche Gefahr eines neuen Nationalismus interessiert, kommt an dem Buch nicht vorbei.
Irene Götz: Deutsche Identitäten. Die Wiederentdeckung des Nationalen nach 1989. Verlag Böhlau, Köln/Wien 2011. 386 Seiten, 49,90 Euro.