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Katholische Kirche Wieder unter Verdacht

 ·  Die katholische Kirche hat sich um die Aufklärung von Fällen sexueller Gewalt bemüht. Aber es ist noch viel zu tun.

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Eines muss man den katholischen Bischöfen in Deutschland lassen: Sie haben es versucht. Anders als die Odenwaldschule, anders als der Deutsche Olympische Sportbund, anders als die Kultusministerien der Länder und auch anders als die Evangelische Kirche in Deutschland haben sie vor zwei Jahren ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen, um Art und Ausmaß sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in ihrem Verantwortungsbereich auf die Spur zu kommen. Als die Bischöfe im Jahr 2002 erste Leitlinien zum Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs im Raum der Kirche verabschiedeten, war die katholische Kirche zudem die einzige Institution in Deutschland, die über ein solches Regelwerk verfügte. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Was derzeit den Mitarbeitern und Einrichtungen in den 27 Bistümern unter dem Stichwort „Prävention“ an Führungszeugnissen, Schulungen und Selbstverpflichtungen abverlangt wird, sucht gleichfalls seinesgleichen. Überdies entstehen seit dem vergangenen Jahr im Zusammenwirken kirchlicher und universitärer Einrichtungen in Deutschland und im Vatikan internetbasierte Präventionskonzepte, die an verschiedene Kulturkreise angepasst werden und dann weltweit Schule machen sollen.

Unausweichliches Scheitern

Dennoch sieht sich die katholische Kirche in Deutschland in diesen Tagen wieder dem Verdacht ausgesetzt, ein Verein von Dunkelmännern geblieben zu sein, der im Zweifelsfall dem Schutz der Institution und der Fürsorge gegenüber Tätern immer noch Vorrang gebe vor der Perspektive der Opfer und der Änderung von Strukturen und Mentalitäten. Das jedenfalls ist der Kern der Vorhaltungen, die von interessierter Seite kolportiert werden, um das Scheitern des im Sommer 2011 vertraglich besiegelten Forschungsvorhabens zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der Kirche mit dem Kriminologen Pfeiffer zu erklären.

Doch selbst wenn die „Lernkurve“ in der Kirche viel flacher verlaufen sein sollte als öffentlich dargetan: Die Ursachen für das Zerwürfnis zwischen Pfeiffer und der Bischofskonferenz liegen nicht im mangelnden Aufklärungswillen der Kirche oder in der Missachtung der Freiheit der Wissenschaft. Vielmehr war das sich „wissenschaftlich“ nennende Projekt von beiden Seiten mit derart vielen Erwartungen überfrachtet und mit noch mehr Dilettantismus vorbereitet worden, dass Schiffbruch an den Klippen der Datenerhebung sowie des Schutzes von Daten- und Persönlichkeitsrechten unausweichlich war.

Unprofessionalität und Selbstüberschätzung

Dass die Kirche als „Täterorganisation“ wahrgenommen wird, liegt aber nicht nur in diesem Fall an einer fatalen Mischung aus Unprofessionalität und Selbstüberschätzung. Auch das Kommunikationsverhalten der Kirche krankt immer mehr an dieser Kombination. Doch keine Regel ohne Ausnahme: Das Erzbistum München etwa ließ schon im Jahr 2010 von unabhängigen Gutachtern einen Bericht über sexuelle Übergriffe kirchlicher Mitarbeiter von Priestern bis zu Lehrern im Kirchendienst anfertigen.

Dabei stellte sich nicht nur heraus, dass in der Vergangenheit in großem Stil Akten vernichtet oder manipuliert worden waren. Was in dem im Dezember 2010 veröffentlichten Abschlussbericht hinsichtlich jener kirchlichen Strukturen und Mentalitäten festgehalten wurde, die sexuelle Gewalt im Raum der Kirche begünstigten, dürfte bis vor einigen Jahren in allen Bistümern und kirchlichen Einrichtungen „normal“ gewesen sein: verdrängen, verschleiern, vertuschen.

Vermessung des Hellfeldes

Damit ist aber auch seit zwei Jahren klar, was „Aufklärung“ in Deutschland leisten kann und was nicht - und was geändert werden muss, damit die Kirche ein sicherer Raum für Kinder und Jugendliche sein kann. Wegen der prekären Aktenlage wird es nicht mehr möglich sein, das Ausmaß sexueller Gewalt quantitativ und qualitativ präzise zu erfassen. Doch zeigt das Münchner Gutachten, dass die weitere Auswertung der Archive eine conditio sine qua non für jede weitere Analyse ist.

Daher wäre viel gewonnen, wenn nach dem Scheitern des Pfeiffer-Projekts alle Bistümer dem Münchner Vorbild folgten und ihre Akten mit Hilfe externen Sachverstands so erschlössen, dass der Wissenschaft standardisierte Datensätze zur Verfügung gestellt werden könnten, die wenigstens für eine Vermessung des Hellfeldes taugten. Zusammen mit den Daten, welche die gleichfalls weltweit einmalige Hotline der Bischofskonferenz seit 2010 über sexuelle Gewalt in der Kirche erhoben hat und die nun allgemein zugänglich sind, dürfte jedem Bedürfnis nach „Aufklärung“ Genüge getan werden - gerade um des Respekts vor den Opfern willen.

Ebenso dringlich ist aber eine Veränderung jener klerikal-männerbündischen Mentalität, die bis heute mit sexueller Gewalt in der Kirche verbunden ist. Die Forderungen nach Abschaffung des Zölibates oder der Priesterweihe von Frauen sind wohlfeil, aber utopisch. Niemand aber hindert Bischöfe und Generalvikare daran, Frauen in der Seelsorge jenseits der Sakramentenspendung und in der Verwaltung dieselbe Verantwortung zu übertragen wie Männern. In einigen Bistümern ist diesbezüglich schon viel geschehen. Das ist gut, aber längst nicht genug.

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17.01.2013, 15:46 Uhr

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