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Scholz’ Energiereise : Warum Kanada nicht schnell Flüssiggas liefern wird

  • -Aktualisiert am

Besuch in Kanada: Bundeskanzler Olaf Scholz nach der Landung in Montréal am Sonntag Bild: dpa

Kanada habe ähnlich reiche Bodenschätze wie Russland, sei aber „eine verlässliche Demokratie“, sagt Bundeskanzler Scholz zu Beginn seines Besuchs in dem Land. Deutschland will von 2025 an Wasserstoff von dort beziehen.

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          Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ist nach Kanada gereist, um seine Bemühungen fortzusetzen, die Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas zu verringern. Konkret geht es um den Bezug von Wasserstoff aus Kanada. Über Flüssiggas (LNG) dürfte zwar auch gesprochen werden, hier ist aber nicht mit konkreten Vereinbarungen zu rechnen.

          Eckart Lohse
          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Scholz nannte Kanada zu Beginn seiner Reise einen „ganz besonderen Partner für Deutschland“. Mit kaum einem anderen Land außerhalb der Europäischen Union „sind wir so eng und freundschaftlich verbunden“ wie mit Kanada. Man teile nicht nur gemeinsame Werte, sondern auch einen ähnlichen Blick auf die Welt. „Das Land verfügt über ähnlich reiche Bodenschätze wie Russland – mit dem Unterschied, dass es eine verlässliche Demokratie ist.“ Es eröffneten sich neue Felder der Zusammenarbeit. Insbesondere beim Aufbau einer Wasserstoff-Wirtschaft wolle man eng zusammenarbeiten.

          Wohl keine kurzfristige Energie-Hilfe zu erwarten

          Ein kurzfristiges Schließen deutscher Versorgungslücken, die aufgrund der drastisch eingeschränkten russischen Gaslieferungen entstanden sind, ist von der Reise nicht zu erwarten. In deutschen Regierungskreisen war zu hören, man komme nicht in der Erwartung nach Kanada, Vereinbarungen für die kommenden ein bis zwei Jahre zu treffen. Vielmehr gehe es um eine „mittelfristige Perspektive“.

          Zum Ende der Reise soll am Dienstag ein Wasserstoffabkommen zwischen Deutschland und Kanada unterzeichnet werden. Das Ziel ist es, 2025 aus der kanadischen Atlantikprovinz Neufundland und Labrador Wasserstoff zu bekommen. Die Grundlagen dafür waren schon vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine gelegt worden, als 2021 eine entsprechende Energiepartnerschaft zwischen beiden Ländern geschlossen wurde. Deutschland will im Zuge einer Wasserstoffstrategie diesen Energieträger vermehrt nutzen, um fossile Energien zu ersetzen. Sogenannter grüner Wasserstoff, also ohne den Einsatz fossiler Energieträger erzeugter, soll mit Hilfe von Windkraftanlagen in Neufundland entstehen und dann nach Deutschland verschifft werden.

          Wie wirkt sich der Ukrainekrieg auf die Energieversorgung in Deutschland aus? (Symbolbild) Öffnen
          Zahlen zu Strom und Gas : Wie hart trifft Deutschland die Energiekrise? Bild: Ingus Evertovskis - stock.adobe, Bearbeitung: F.A.Z.

          Schwieriger verhält es sich mit dem Flüssiggas. Zwar arbeitet Deutschland mit großer Geschwindigkeit daran, schon bald Terminals zu haben, um mit Schiffen geliefertes Flüssiggas zu importieren (diese sollen im übrigen so konstruiert werden, dass sie auch für Wasserstoff verwendet werden können). Allerdings wird LNG vorerst aus den Vereinigten Arabischen Emiraten kommen. Bemühungen, solches schon bald aus Qatar zu kommen, stocken.

          Auch Kanada kommt als baldiger Lieferant nicht in Frage. Das Land hat derzeit noch gar kein einsatzbereites LNG-Terminal. Eines ist im Bau, allerdings an der Westküste, bestimmt dazu, Gas nach Asien zu liefern. Der kanadische Umweltminister Steven Guilbeault hatte kürzlich gesagt, dass die kanadische Regierung nicht den Bau von Leitungen befördern werde, die das Gas an die Ostküste brächten, damit es von dort nach Europa komme. Neue kanadische LNG-Terminals könnten nicht so schnell gebaut werden, dass die kurzfristigen Energielücken Europas damit geschlossen würden. Angesichts der Bemühungen der Bundesregierung, dafür zu sorgen, dass die größte Volkswirtschaft Europas möglichst bald ohne fossile Energieträger auskommt, wäre es daher für Kanada riskant, viel Geld in LNG-Terminals an seiner Ostküste zu investieren.

          Scholz will gute Beziehungen zu Trudeau vertiefen

          Obwohl die Energiepolitik im Mittelpunkt der Reise steht, geht es auch um die Pflege der guten Kontakte zu Kanada. In der Bundesregierung war von einem „intensiven Besuch bei Freunden“ die Rede. Es gehöre zu den „besonderen Konsequenzen der Zeitenwende“, dass man sich seiner engen Partner versichere und zusammenrücke.

          Kanada ist von der Fläche her das zweitgrößte Land der Welt und hat knapp 40 Millionen Einwohner. Es besitzt neben Öl und Gas zahlreiche andere Rohstoffe in großer Menge. Beispielsweise Eisenerz, Nickel, Kupfer, Zink, Silber und Gold oder auch Lithium und Kobalt. Auch hierzu sollten bei der Reise des Kanzlers und des Wirtschaftsministers Gespräche geführt werden.

          Scholz war am Sonntagabend in Begleitung von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) nach Montreal geflogen. Beide reisen weiter nach Toronto und von dort in die Kleinstadt Stephenville in Neufundland. Am Mittwochmorgen werden Scholz und Habeck zurück in Berlin sein. Angesichts in aller Regel immer kürzer werdender Kanzlerreisen ist es ein besonderes Signal, dass Scholz sich so lange in einem Land aufhält.

          In internationalen Gremien vertritt Kanada oft ähnliche Positionen wie Deutschland. Scholz fühlt sich Premierminister Trudeau auch persönlich verbunden. „Meine dreitägige Reise wird die guten Beziehungen zu Kanada und zu Premier Justin Trudeau noch einmal vertiefen“, sagte Scholz.

          Begleitet werden er und Habeck von einer großen Wirtschaftsdelegation. Neben dem Vorsitzenden des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Siegfried Russwurm, waren Vorstandsvorsitzende und Geschäftsführer großer Unternehmen wie Bayer AG, Siemens Energy AG, Volkswagen AG, Uniper SE oder Mercedes-Benz Group AG dabei.

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