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Reformationstag : Neue Frauen hinter alten Klostermauern

Gabriele-Verena Siemers, Abtässin des Klosters Wennigsen, meditiert im Kloster. Bild: Amadeus Waldner

Sie standen vor dem Aussterben, doch nun erleben evangelische Klöster einen Aufschwung. Ohne Gelübde und ohne Pflicht zum Gehorsam wirken diese weithin unbekannten Gemeinschaften anziehend, gerade auf alleinstehende, ältere Frauen.

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          Die Tür des Stifts Fischbeck öffnet sich, Ursula Schroeder, eine der Stiftsdamen, bittet hinein und führt die alte Holztreppe hinauf. Oben hat sich das Kapitel zum nachmittäglichen Kaffee versammelt. Die Waffeln liegen in einer Porzellanschale, den Zucker greift man mit der Silberzange.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Seit mehr als tausend Jahren wird dieser Ort ohne Unterbrechung von Frauen bewohnt, die hier am Ufer der Weser eine geistliche und lange auch eine feudale Tradition aufrechterhalten haben. Sechzehn adelige Vorfahren waren einst vor dem Eintritt nachzuweisen. Die allererste Bürgerliche kam im Jahr 1954 ins Stift.

          Heute sind es ausschließlich nichtadelige Damen, die hier auf Biedermeiersitzmöbeln ihren Kaffee einnehmen und unter den Gemälden ihrer Vorgängerinnen aus dem Calenberger Adel plauschen. In den vergangenen Jahren, vor allem in den letzten Monaten hat sich hier viel bewegt. Vier neue Kapitularinnen wurden allein in diesem Jahr aufgenommen. „Wir haben uns verdoppelt, das klingt noch besser“, erzählt Katrin Woitack, die Äbtissin.

          Vom Bild eines katholischen Nonnenklosters muss sich lösen, wer nach Fischbeck kommt. Das Stift ist seit Jahrhunderten evangelisch und heute wird hier eine Mischung aus protestantischer Freiheit und monastischer Einkehr gelebt.

          Alleinstehend müssen die Frauen sein, ein Gelübde aber gibt es nicht. Die Fischbecker Stiftsdamen waren entweder nie verheiratet oder sind verwitwet, viele sind geschieden, die meisten haben Kinder. In Fischbeck führt jede Stiftsdame weiterhin ihren eigenen Haushalt. „Wir können die Türen zumachen. Jeder kocht für sich, und jeder muss hier auch finanziell für sich selbst sorgen können“, erklärt Ursula Schroeder.

          Ein Kreis selbstbewusster Frauen

          Der Bildungsstand ist gehoben, das Spektrum reicht von der Kulturanthropologin bis zur Unternehmerin. Ursula Schroeder zum Beispiel war Musiklehrerin im nahen Hameln, Äbtissin Katrin Woitack war bis vor einigen Monaten Pfarrerin in der Hannoveraner Innenstadt. „Auf Fischbeck bin ich über eine Führung von Frau Schroeder gekommen“, erzählt sie. „Frau Schroeder hat mich ganz besonders angesprochen. Es sind eben immer wieder die Menschen, die entscheidend sind.“

          Das Stift Fischbeck mit Stiftskirche

          In Fischbeck hat sich so in den vergangenen Jahren ein Kreis selbstbewusster Frauen zusammengefunden. Nicht jede hat gleich das Temperament der verwitweten Pastorengattin Ursula Schroeder, aber mit den eigenen Auffassungen hält keine der Stiftsdamen hinter dem Berg. „Wir sind alle berufstätig gewesen, oft in leitender Position“, erklärt die Äbtissin. Das gibt der Gruppe Kraft, schafft aber auch Reibungsflächen.

          Ursula Schroeder überlegt: „Ob es unter uns zu Konflikten kommt? Nein, so würde ich es nicht nennen.“ „Oh doch“, korrigiert sie eine der Neuen. „Es ist schon ein Balanceakt, acht gestandene Frauen unter einen Hut zu bekommen.“

          Auf die Autorität ihres Amtes alleine darf sich Äbtissin Katrin Woitack dabei nicht verlassen. Eine Verpflichtung zum Gehorsam wie in katholischen Orden gibt es nicht. Die Äbtissin hat doppeltes Stimmrecht im Stiftskapitel, mehr nicht. Und die Neuen, zu denen auch die Äbtissin selbst gehört, bringen Veränderungen nach Fischbeck. „Das Siezen etwa ist eine Tradition, die die Neuen schlagartig außer Kraft gesetzt haben. Manche duzen sich, manche siezen sich.“

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