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NSU-Prozess : Ein Blick in Abgründe

Beate Zschäpe will von den Morden immer nur im Nachhinein erfahren haben – ihre Anwälte fordern ihre Freilassung. Bild: AFP

Vor dem Münchner Oberlandesgericht geht der NSU-Prozess zu Ende. Das Gericht muss nach fünf Jahren Verhandlung darüber urteilen, ob Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte eine Schuld an der Mordserie der Gruppe haben.

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          Zum Schluss wollten alle einfach nur noch, dass es zu Ende geht. Das „Guten Morgen“, mit dem der Vorsitzende Richter den Gerichtssaal betrat, klang nicht mehr so zackig, die Riege der Nebenklägervertreter dünnte sich aus, und auf der Zuschauertribüne dösten an langen Nachmittagen die Justizbeamten vor sich hin. Als Beate Zschäpes Verteidiger Wolfgang Heer nach den Plädoyers noch einmal mit einem Befangenheitsantrag drohte, im Namen seiner Mandantin, die schon lange nicht mehr seine Mandantin sein will, fuhr Zschäpes „Vertrauensanwalt“ Hermann Borchert dazwischen: „Es wird keinen Befangenheitsantrag mehr geben!“ Vermutlich hat auch Beate Zschäpe nach fünf Jahren Prozess zu den Verbrechen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ genug. Zuletzt hatte sie, blass und das lange Haar meist achtlos zusammengebunden, auf der Anklagebank den Kopf in die Hände gestützt, als ginge es darum, alles nur noch zu ertragen, bis es endlich vorbei ist.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die Plädoyers ihrer Verteidiger der ersten Stunde freilich klangen in weiten Strecken schon wie ein Revisionsantrag. Zu Ende wird es also höchstwahrscheinlich auch mit dem Urteil nicht sein, das nächste Woche verkündet werden soll. Schon gar nicht für die Angehörigen der Mordopfer und die Überlebenden der Anschläge des NSU. Wie könnte es das auch sein? Ihr Bruder höre bis heute immer sehr aufmerksam zu, wenn vom Vater die Rede sei, hatte Gamze Kubasik, die Tochter des in Dortmund ermordeten Mehmet Kubasik, während der Beweisaufnahme geschildert. „Er hat ja kaum Erinnerungen an ihn, er war ja damals noch so klein.“ Sie schilderte, wie sie jenen 4. April 2006 erlebte, als sie nach der Schule wie immer zum Kiosk ihres Vaters ging. Wie sie auf Polizeiabsperrungen traf, wie Schaulustige sagte: „Oh nein, da ist die Tochter!“ Wie sie versuchte, an den Absperrungen vorbei zu ihrem Vater zu gelangen: „Sie können hier nicht vorbei!“ – „Ich muss aber, ich bin die Tochter!“ Und wie sie dann an der Tür des erstbesten Polizeiwagens rüttelte, immer wieder. Wie sie schrie: „Ich muss zu ihm, mein Vater braucht mich, wenn er aufgeregt ist, braucht er mich.“ Bis ein Polizist kam und sagte: „Frau Kubasik, ihr Vater ist tot.“

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