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Der Fall Yagmur : Ein totes Kind im Hamburger Wahlkampf

Trotz Hinweise auf Misshandlung konnte Yagmur nicht gerettet werden Bild: dpa

Das kleine Mädchen wurde von seinen Eltern zu Tode misshandelt – es war auch ein Opfer des nicht funktionierenden Jugendhilfe-Systems. Warum der Bericht des Untersuchungsausschusses zu Yagmurs Tod in Hamburg vor der Wahl so umstritten ist.

          Wenn eine Mutter ihr Kind erschlägt, ist das zunächst einmal ein Fall für die Gerichte. Dass aber in Hamburg nach dem schrecklichen Tod der drei Jahre alten Yagmur auch ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss im Rathaus eingesetzt wurde, ist ohne die Vorgeschichte nicht zu verstehen. Denn in den zurückliegenden zehn Jahren starben in Hamburg mindestens fünf Kinder in ihren Familien, obgleich sie alle längst im Blick des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) waren, der zu den Jugendämtern gehört.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Michelle aus Lohbrügge war nur zweieinhalb Jahre alt, als sie durch Verwahrlosung starb. Jessica aus Jenfeld war schon sieben Jahre alt, als sie verhungerte. Lara Mia aus Wilhelmsburg starb mit acht Monaten an Unterernährung. Chantal, ebenfalls aus Wilhelmsburg, war zwölf Jahre alt, als sie bei ihren Pflegeeltern Methadon fand, schluckte und daran starb. Yagmur war sogar seit ihrer Geburt im Blick des Jugendamtes. Es gab viele Hinweise auf Misshandlungen. Dennoch konnte das Kind nicht gerettet werden.

          Schon der Fall Chantal hatte auch politisch hohe Wellen geschlagen. Das hing zum einen damit zusammen, dass fast alle Aussagen über Chantals Verhältnisse sich als nicht richtig erwiesen. Sie habe es gut gehabt bei ihren Pflegeeltern, hieß es. Dann war etwa zu erfahren, dass sie nicht einmal ein eigenes Bett hatte. Zum anderen spielte eine Rolle, dass die SPD gerade spektakulär die Bürgerschaftswahl gewonnen hatte und nun vor einer ersten kritischen Herausforderung stand.

          Die Arbeit der Jugendämter stand in der Kritik, aber auch die des Jugendhilfeausschusses. Am Ende musste Johannes Kahrs – ein bekannter SPD-Bundestagsabgeordneter, der in Hamburg-Mitte noch jede Wahl deutlich gewonnen hat – den Vorsitz räumen, den er viele Jahre lang innehatte. Auch Bezirksamtsleiter Markus Schreiber, ebenfalls ein in Hamburg bekannter Sozialdemokrat, musste gehen.

          Immer die gleichen Phrasen

          Dem Parteivorsitzenden und Bürgermeister Olaf Scholz blieb keine andere Wahl, als ein Zeichen zu setzen, Schreiber war das Opfer. Es kam der junge und dynamische Andy Grote, bis dahin SPD-Bürgerschaftsabgeordneter. Natürlich versprach er, in den Jugendämtern werde nun alles besser. Der Fall Chantal dürfe sich nicht wiederholen. Doch er wiederholte sich.

          Dass Chantal Methadon genommen hatte, war an sich ein Unfall, den eine Behörde nur indirekt hätte verhindern können. Bei Yagmur aber hätten die Behörden ein Leben retten können, wären alle aufmerksam gewesen und hätte die Zusammenarbeit geklappt. Freilich lässt sich das leicht sagen. Die 400 Mitarbeiter beim ASD in Hamburg sehen viel Not und Elend. Und wer vermag immer genau einzuschätzen, wo tatsächlich Gefahr, gar Lebensgefahr im Verzug ist?

          Die Misshandlungen Yagmurs waren bekannt, das Kind war sogar schon aus der Familie herausgenommen worden. Kurz vor seinem Tod kehrte es zu den Eltern zurück. Das erschütternde Ergebnis: An ihrem toten Körper wurden 80 Blutergüsse und Abschürfungen gezählt und ein schlecht verheilter Armbruch festgestellt. Die Leber des Kindes war durch Schläge mit voller Wucht gerissen.

          Bericht: ASD hat die Übersicht über den Fall verloren

          Der Untersuchungsausschuss hatte seit März gearbeitet. Vorsitzender war ein CDU-Mann. Alle Beteiligten lobten zunächst das gute Klima, den allgemeinen Willen, beim ASD grundsätzlich etwas zu verändern. Erst auf der Zielgerade begann der Streit. Das hatte damit zu tun, dass der Tod des Kindes nun schon ein Jahr zurückliegt, die nächste Bürgerschaftswahl aber im Februar ist. Die Linkspartei arbeitete gar nicht mehr am Abschlussbericht mit. CDU und Grüne hätten zu gern als Konsequenz den Rücktritt von Grote gesehen mit der Begründung, unter Grote sei es beim Jugendamt nicht besser geworden.

          Zwei entlassene SPD-Bezirksamtsleiter in zwei Jahren – das wäre ein Triumph für die Opposition. Aber genau aus dem Grund muss die SPD das auch verhindern. So kommt es, dass es zum eigentlichen Abschlussbericht von fünfhundert Seiten gleich drei Sondervoten (von CDU, Grünen und FDP) und einen zweiten Abschlussbericht (von der Linkspartei) geben wird. Und erst wenn all diese Papiere vorliegen, wird er auch veröffentlicht.

          Auf welche Einschätzungen haben sich die Parteien einigen können? Im Bericht heißt es, der ASD habe die Übersicht über den Fall Yagmur verloren. Als die Eltern umzogen, gab es keine geordnete Übergabe beim Jugendamt, obwohl in den Akten schon von Kindeswohlgefährdung die Rede war. Am früheren Wohnort mussten die Eltern das Kind in die Kindertagesstätte bringen und wurden sie von einer Familienhilfe betreut. Nach dem Umzug aber achtete niemand mehr darauf. Im Sommer 2013 übernahm eine ASD-Mitarbeiterin den Fall, die noch in der Einarbeitung war.

          Zu wenig Personal: „im Grunde nicht arbeitsfähig“

          Die Staatsanwaltschaft ermittelte nach der Anzeige eines Rechtsmediziners gegen die Eltern und die Pflegemutter von Yagmur, stellte das Verfahren aber ein. Der ASD berief sich auf diese Entscheidung, als am 4. Dezember 2013, vierzehn Tage vor Yagmurs Tod, der Fall noch einmal besprochen wurde. Auch als die Mutter das Kind vom Kita-Besuch abmeldete, um die blauen Flecken nicht sichtbar werden zu lassen, hakte niemand nach. Der ASD wiederum hatte auf personelle Schwierigkeiten hingewiesen – „fünfzehn Krankschreibungen bei fünfzehn Mitarbeitern“; „im Grunde nicht arbeitsfähig“. Das aber wollten die Bürgerschaftsmitglieder so nicht gelten lassen.

          Am Schluss des Berichtes stehen 33 Empfehlungen. So sollen die Kriterien verschärft werden, wenn es darum geht, einmal aus dem Elternhaus herausgenommene Kinder wieder in die Familie zurückzugeben. Die Staatsanwaltschaft sollte außerdem eine Schwerpunktabteilung Kinderschutz einrichten. Überhaupt soll der ASD reformiert werden. Die CDU konnte sich nicht mit der Forderung durchsetzen, den ASD zu zentralisieren und aus der Verantwortung der Bezirke herauszunehmen und in die Sozialbehörde zu geben. Im Januar wird die Bürgerschaft über den Bericht debattieren.

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