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Frankfurter Zeitung 08.09.1930 : Warum rumort es in Südamerika?

  • Aktualisiert am

Buenos Aires in der Wirtschaftskrise: Wie viele andere südamerikanische Staaten kämpft Argentinien auch politisch mit ausbleibendem Handel. Bild: Picture-Alliance

Die Weltwirtschaftskrise hat Südamerika zugesetzt. Ein Regime nach dem anderen wird hinweggefegt. Die Frankfurter Zeitung beobachtet die Entwicklung nachdenklich

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          So wenig unerwartet der Umsturz in Argentinien für Unterrichtete kommen mag, so sehr gibt es doch Anlaß, nachdenklich darüber zu werden, daß in Südamerika jetzt fast Schlag auf Schlag eine Diktatur nach der anderen in Trümmer geht. Mit Bolivien Ende Juni begann es, dann kam Ende August der Sturz Leguias in Peru – und nun folgt, fast unmittelbar darauf, der Sturz Yrigoyen, des argentinischen Präsidenten, der nach einem mißglückten Versuch, durch den Trick der Amtsübergabe seinen Vizepräsidenten sein Regime zu retten, nun doch gegenüber dem Ansturm revoltierender Truppenmassen die weißte Fahne hissen mußte.

          Alle diese Revolutionen haben auffallende gemeinsame Grundzüge. In allen drei Staaten handelte es sich nicht so sehr um eine Revolution, die auf einen Umsturz des Staates oder auch nur des Regierungssystems hinzielte, sondern um einen Aufstand, der als das große Zeil hinstellte, „die Verfassung zu retten und das Land von einem untauglichen Regime zu befreien“.

          Die Demokratie in den südamerikanischen Republiken ist ihrem ganzen Charakter nach eine völlig andere als irgendeine europäische Demokratie oder was man sich in Europa unter einer Demokratie vorstellen mag. Um die Lage in den südamerikanischen „Demokratien“ zu verstehen, müßte man die eigenartige Zusammensetzung der Bevölkerung berücksichtigen und daran denken, daß die Vorstellung von einer Selbstregierung des Volkes in Südamerika nach sehr unklar ist und daß man dort gewöhnt ist, sich der Regierung starker Männer anzuvertrauen.

          Gestürzt nach einem mißglückten Versuch die Macht weiterzugeben: Argentiniens ehemaliger Präsident Hipólito Yrigoyen.
          Gestürzt nach einem mißglückten Versuch die Macht weiterzugeben: Argentiniens ehemaliger Präsident Hipólito Yrigoyen. : Bild: Archivo General de la Nación

          Diese Einstellung führte dazu, daß das Kliquenwesen nirgends so ausgedehnt ist wie in Südamerika, daß damit auch eine wirkliche politische Erziehung des Volkes sehr erschwert ist und daß so der gegebene Boden für Diktaturen geschaffen ist, für Diktaturen, die sich zwar anscheinend auf ein Parlament und auf eine Demokratie stützen, die aber doch im Grunde durch die Schaffung eines gefügigen Beamtenapparates und durch gewisse Machinationen bei den Wahlen usw. ihre Herrschaft so zu verankern vermögen, daß praktisch doch die autonomen Rechte des Volkes aufgehoben sind. Hinzu kommt noch, daß es diese Diktatur verstehen, eine gefügige Heeresmacht aufzustellen und ihre Gegner rechtzeitig hinter Schloß und Riegel zu bringen, sowie sie gefährlich werden.

          Zu dieser inneren Situation der südamerikanischen Republiken kommt noch das Verhalten der Diktatoren gegenüber den ausländischen Wirtschaftsmächten. Infolge der eigenartigen Ablehnung und vielleicht auch Unfähigkeit der südamerikanischen Oberschicht hinsichtlich der wirtschaftlichen Betätigung liegen fast sämtliche wichtigen Wirtschaftsstellen in den Händen von Ausländern, – und keineswegs nur in solchen von Amerikanern und Engländern, die allerdings eingestandenermaßen auf dem südamerikanischen Kontinent eine ganz bestimmte Politik verfolgen.

          Die – sachlichen und persönlichen – Gegner der Diktatoren haben es daher verhältnismäßig leicht, auf diese „Ueberfremdung“ des Wirtschaftslebens hinzuweisen und zum Widerstand dagegen aufzurufen. Sie habe es dann umso leichter, wenn eine schlechte Wirtschaftslage, die Not und Arbeitslosigkeit über das Land bringt, die Waffen ohnedies erregt hat. Heute ist die Lage etwa so.

          Die Weltwirtschaftskrise hat natürlich auch in Südamerika zu heftigen Rückschlägen geführt. In den Städten und den Industriegebieten gibt es eine zunehmende Arbeitslosigkeit, der Wert des Geldes sinkt, und die Ausfuhr geht zurück. Sowohl in Bolivien wie in Peru und wie auch jetzt in Argentinien war einer der Hauptvorwürfe, die gegen das Regime erhoben wurden, der, daß die Regierung dem fremden Kapital allzusehr nachgab und sich von dessen Einfluß nicht genügend freihielt.

          Während sich dieser Vorwurf in Bolivien und Peru in der Hauptsache gegen das amerikanische Kapital richtete, mißbilligte man in Argentinien die offenkundige Bevorzugung englischen Kapitals, worauf das katastrophale Nachlassen des Warenaustausches mit Nordamerika und die dadurch entstandene Wirtschaftskrise zurückgeführt wurden. Es ist gar nicht so ausgeschlossen, daß diese Propaganda und dieser Kampf gegen bestimmte ausländische Kapitalinteressen auch auf das Eingreifen ausländischer Gegeninteressen zurückzuführen ist.

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