Briefe :
Leserbriefe vom 8. August 2024

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Gedenkstätte in Berlin: Hier wurden Graf Stauffenberg und drei Mitverschwörer in der Nacht zum 21. Juli 1944 erschossen
Gedenkstätte in Berlin: Hier wurden Graf Stauffenberg und drei Mitverschwörer in der Nacht zum 21. Juli 1944 erschossenPicture Alliance

Manifest zum 20. Juli 1944 +++ Bundeswehr in den Nahen Osten? +++ Ahrtal-Aufarbeitung +++ Platz für die Reich-Ranickis

Es ging nicht um Eigennutz

Ich danke Tim Dürre für seinen Leserbrief „Tatsächliche Lehren aus dem 20. Juli“ in der F.A.Z. vom 3. August: Er gibt mir doch Gelegenheit, etwas ausführlicher auf geläufige Vorurteile einzugehen, als dies im Manifest der Stiftung 20. Juli 1944 möglich war. Das Narrativ von der kleinen Offiziersclique, die opportunistisch im eigenen Interesse handelte, ist so alt wie der Staatsstreichversuch vom 20. Juli selbst: Hitler verbreitete es noch in der Nacht zum 21. Juli 1944. Die ersten Gestapo-Ermittlungen belehrten ihn eines Besseren, weshalb die Schauprozesse vor dem Volksgerichtshof schon nach wenigen Tagen nicht mehr öffentlich geführt wurden. Mit Kriegsende änderte sich kaum etwas an dieser Sichtweise, denn die „herrschaftsstützenden Säulen des Dritten Reiches im neu entstehenden westdeutschen Staat“ betrachteten die Beteiligten am Umsturzversuch lange Zeit noch als Verräter genauso wie die Mehrheit der Deutschen, die sich nicht der Tatsache stellen wollte, dass Widerstand möglich gewesen wäre. 1. Es ist falsch, dass der 20. Juli 1944 ein Aufstand des Militärs gewesen sei. Attentat und Staatsstreich konnten nur von der Armee umgesetzt werden. Doch in das weit verzweigte Netzwerk gehörten dreimal mehr Zivilisten als Berufsoffiziere, Gewerkschaftler, Geistliche und auch einige wenige Frauen. 2. Es stimmt, dass viele Beteiligte aus dem konservativ-militärischen Kreis zunächst ihre Hoffnung auf den Nationalsozialismus gesetzt hatten. Das heißt jedoch nicht, dass sie nach den Erfahrungen der NS-Herrschaft – auch schon vor 1939 – sich nicht von dem Unrechtsregime distanziert hatten. 3. Es ist richtig, dass etliche Wehrmachtsoffiziere Schuld auf sich geladen hatten oder gar in NS-Verbrechen verstrickt waren. Doch wer sich zum Sturz des Diktators entschied, nahm die Verantwortung dafür auf sich und rechtfertigte sein Handeln gerade nicht mit dem militärischen Eid auf Adolf Hitler. 4. Es stimmt leider, dass die hohe Generalität bis auf ganz wenige Ausnahmen dem Regime treu blieb. Umso höher ist deshalb das Handeln der mittleren Offiziersebene zu bewerten. Das Risiko für das Scheitern eines Staatsstreichs, der sich auf Befehl und Gehorsam stützen musste, war ohne militärische Führungsspitze ungleich höher. 5. Es stimmt nicht, dass es den Beteiligten um einen eigennützigen Vorteil ging. Im Gegenteil, persönlich konnten sie nur verlieren. Die Aussicht auf ein Gelingen schätzten sie auf maximal zehn Prozent. Doch selbst nach einem erfolgreichen Staatsstreich mussten sie angesichts der dann erfolgenden bedingungslosen Kapitulation mit einer neuen Dolchstoßlegende rechnen – die Deutschen standen hinter ihrem „Führer“. Auf welches moralische Podest steigen wir, den Männern, die dieses Risiko und einen schweren Leidensweg auf sich genommen haben, abzusprechen, dass sie es für ein Ende von Krieg und Terrorherrschaft getan haben? 6. Für die Vorstellungen einer Nachkriegsordnung empfehle ich die Lektüre der vom Widerstand vorbereiteten Regierungserklärung, die mit den Worten beginnt: „Erste Aufgabe ist die Wiederherstellung der vollkommenen Majestät des Rechts.“ Valerie Riedesel, Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung 20. Juli 1944, Putbus

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