Briefe : Leserbriefe vom 22. November 2021

Psychoanalyse +++ Merkels Wähler +++ Bundeswehr +++ Geistersoldaten
Eine große Bedeutung für die Demokratie
Zu „Wo bleibt die dritte Aufklärung?“ von Marianne Leuzinger-Bohleber (F.A.Z. vom 11. November): In ihrem beeindruckenden Plädoyer für den Erhalt der Psychoanalyse an der Frankfurter Universität anlässlich der Neubesetzung der Professur von Tilmann Habermas legt Frau Professor Leuzinger-Bohleber überzeugend dar, in welchem innigen Zusammenhang die Psychoanalyse als psychologische Wissenschaft und psychotherapeutische Behandlungsmethode mit einem Aufklärungsdenken verbunden sein kann, das für unsere Demokratie und für Fragen, wie man deren Gefährdung begegnet, eine große Bedeutung hat. Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft würde es außerordentlich bedauern, wenn es für diese einzigartige und international anerkannte Konstellation an der Universität Frankfurt und im Fachbereich Psychologie in Frankfurt keinen Platz mehr geben könnte. Es würde einen weiteren Schritt der Marginalisierung bedeuten und einem verbreiteten In- teresse von Studierenden an der Psychoanalyse als Wissenschaft und Psychotherapie widersprechen, die auf den Beruf des Psychotherapeuten qualifiziert vorbereitet werden wollen. Besetzungen von Hochschulprofessuren sind immer auch wissenschaftspolitische Entscheidungen. Eine verfahrensunspezifische Ausschreibung verdeckt unter herrschenden Bedingungen, der nahezu 100 Prozent Besetzung von Hochschulprofessuren durch Verhaltenstherapeuten und dem damit verbundenen personellen und finanziellen Lehr-, Forschungs- und akademischen Qualifizierungspotential an Promotionen und Habilitationen, die Fortschreibung des Ausschlusses von Psychoanalytikern aus der Psychologie an den Universitäten, die einer unausgesprochenen, aber dennoch intendierten Verunmöglichung der Akademisierung von Psychoanalyse gleichkommt. Da diese exkludierende Wissenschaftspraxis eine jahrzehntelange Tradition hat, ist es nicht verwunderlich, dass sich keine psychoanalytische Wissenschaftskultur und keine Gemeinschaft von psychoanalytisch orientierten Wissenschaftlern, Professoren und Forschern in der universitären Psychologie herausbilden konnte und herausbilden kann. Auf diesem Hintergrund von Chancengleichheit bei einem Besetzungsverfahren zu sprechen, heißt die Menschen für dumm zu verkaufen und zeugt wenig von einem der Wahrheit und Aufrichtigkeit verpflichteten wissenschaftlichen Ethos. Auch die Hochschulautonomie in diesem Falle anzuführen, führt in die Irre, da diese im Fall der universitären Psychologie zu einer wissenschaftlichen Monopolisierung durch die Verhaltenstherapie anstatt zu einer wissenschaftlichen Vielfalt geführt hat, in der der Psychoanalyse ein würdiger Platz gebührt. Klaus Grabska, Vorsitzender der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, Hamburg


