FAZ+ (abopflichtiger Inhalt);Umfrage in der Ukraine :
Lieber weiter kämpfen um jeden Preis

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Ein ukrainischer Soldat der 148. Artilleriebrigade winkt im Januar 2025 seinen Kameraden an der Frontlinie in der Nähe von Welyka Nowosilka zu.
Ein ukrainischer Soldat der 148. Artilleriebrigade winkt im Januar 2025 seinen Kameraden an der Frontlinie in der Nähe von Welyka Nowosilka zu.dpa

Wie stark ist der Widerstandswille der Ukrainer noch nach drei Jahren Krieg? Eine neue Studie zeigt: Die große Mehrheit der Ukrainer ist weiter nicht bereit, für ein Kriegsende die russische Kontrolle ihres Landes zu akzeptieren.

Nachdem Wolodymyr Selenskyj rüde aus dem Weißen Haus hinauskomplimentiert wurde, solidarisierten sich in der Ukraine nicht nur Anhänger, sondern auch führende Oppositionspolitiker mit dem ukrainischen Präsidenten. Bereits in der Woche davor, als Trump Selenskyj öffentlich als „mittelmäßigen Schauspieler“ und „Diktator“ verunglimpft und die Ukraine für den russischen Überfall verantwortlich gemacht hatte, schlossen sich in Kiew die Reihen hinter dem Staatsoberhaupt. Doch wie denken Ukrainer jenseits öffentlicher Verlautbarungen über den Fortgang des Krieges? Wie beurteilen sie Kosten und Nutzen der Selbstverteidigung gegen Russland?

Diesen Fragen waren Janina Dill, Marnie Howlett und Carl Müller-Crepon von der Universität Oxford und der London School of Economics in Zusammenarbeit mit dem Kiewer Internationalen Institut für Soziologie (KIIS) bereits im Juli 2022, wenige Monate nach dem Überfall Russlands, nachgegangen. In einer repräsentativen Umfrage zeigten sich damals 79 Prozent der Ukrainer nicht zu einem Kriegsende bereit, wenn das eine russische Kontrolle über ihr Land bedeuten würde.

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Wo die rote Linie verläuft

Das jedoch ist eines der erklärten Ziele des Kremls. Auch die übrigen 21 Prozent lehnten dieses Ziel ab, zeigten sich aber zu politischen Zugeständnissen bereit unter der Bedingung, dass die territoriale Integrität ihres Landes erhalten bleibt. Doch selbst dies war drei Monate nach der Umfrage Makulatur, als Russland die Gebiete Luhansk, Saporischschja, Donezk und Cherson, die es bis heute nur teilweise kontrolliert, völkerrechtswidrig annektierte.

Die Ukrainer nähmen „eine kategorische Haltung im Widerstand gegen die russische Aggression ein“, lautete damals das Fazit der Autoren. Denn selbst die Aussicht auf große zivile und militärische Opfer sowie die Gefahr einer nuklearen Eskalation änderten ihre Ansichten kaum. Zweieinhalb Jahre später wollten die Autoren nun wissen, ob sich an der Einstellung der Ukrainer etwas geändert hat.

Das Land ist spürbar erschöpft, aber welche Folgen hat das für den Widerstandswillen? Und welche Kosten sind die Ukrainer bereit zu tragen, um ihr Land zu verteidigen? Die Autoren wiederholten die Studie, deren Design nur geringfügig von dem im Juli 2022 abwich. Abermals fragten sie nicht allgemein, sondern legten den Befragten verschiedene konkrete Szenarien sowie deren Folgen etwa für Opferzahlen, Gebietsabtretungen oder eine Ausweitung des Krieges vor, und baten sie, diese gegeneinander abzuwägen.

Bereitschaft zu Kompromissen nur leicht gestiegen

Das der F.A.Z vorliegende Ergebnis der Studie zeigt, dass sich an der grundsätzlichen Einstellung der Ukrainer kaum etwas geändert hat. Unter den 1290 Befragten, die wie 2022 einem repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung entsprechen, ist die Bereitschaft, für ein Kriegsende die russische Kontrolle über ihr Land zu akzeptieren, kaum gestiegen; je nach Szenario lehnen das zwischen 76 und 77 Prozent strikt ab. „Eine russische Kontrolle über die ukrainische Regierung bleibt eine rote Linie“, schreiben die Autoren. „Sie ziehen Widerstand um jeden Preis einem belarusischen Modell des russischen Einflusses vor.“

Ist eine von Russland kontrollierte Regierung jedoch vom Tisch, steigt die Bereitschaft zu Kompromissen. Zwar gaben nach wie vor 65 Prozent aller Befragten an, unabhängig von den Kosten keine territorialen Abtretungen akzeptieren zu wollen. Doch sind das etwas weniger als 2022, was auf wachsende Bedenken mit Blick auf die Kosten des Krieges, vor allem die Zahl der Gefallenen sowie die Gefahr eines Atomschlags zurückzuführen sei, schreiben die Autoren. So sei die Bereitschaft leicht gestiegen, im Gegenzug für weniger zivile und militärische Opfer die Krim Russland zu überlassen sowie auf eine NATO-Mitgliedschaft oder Teile des Donbass zu verzichten.

Insgesamt aber seien die meisten Ukrainer „immer noch bemerkenswert bereit, hohe Kosten für die Verteidigung ihres Staates zu tragen“, heißt es in der Studie. Selbst als sich in einem der Szenarien die Zahl der Gefallenen auf 24.000 je Quartal vervierfachte, wählten noch 43 Prozent der Befragten diese Option. Hohe zivile und militärische Opfer sowie nukleare Risiken hätten auch nach drei Jahren Krieg nur wenig Einfluss auf die Entscheidung der Menschen, den Krieg im Austausch für territoriale und politische Zugeständnisse zu beenden.

Daraus lässt sich schließen, dass die Ukrainer Abkommen, die über ihre Köpfe hinweg Gebietsabtretungen an Russland oder russischen Einfluss in der Ukraine festschreiben, ablehnen und sich dafür entscheiden würden, weiterzukämpfen, egal was Moskau und Washington verhandelt haben.

Zugleich könnte Selenskyj, sofern er gefragt würde, einem solchen Vorschlag kaum zustimmen, ohne das Vertrauen seiner Landsleute zu riskieren. Laut einer Umfrage des KIIS vom Februar dieses Jahres, also noch vor dem Eklat in Washington, vertrauen 63 Prozent der Ukrainer Selenskyj und nicht vier Prozent, wie Trump behauptet hatte.

Auch bei einer politischen Kontrolle Kiews durch Moskau würde der Krieg nicht automatisch enden. In einem Zusatzszenario erhöhten die Autoren die Zahl der militärischen Opfer und das Risiko einer atomaren Eskalation Russlands drastisch. Doch selbst dann zeigt sich der Widerstandswille der Ukrainer nicht schwächer als bei den anderen Optionen. Das deute darauf hin, „dass ein erzwungener Frieden zu russischen Bedingungen sehr wohl den Volkswiderstand in der Ukraine und einen langen, zermürbenden Aufstand gegen die russische Fremdherrschaft auslösen könnte“, resümieren die Autoren. Das könnte sowohl Trump, der ein schnelles Kriegsende um jeden Preis verlangt, als auch Beobachter frustrieren, die der Ukraine bescheinigen, keine andere Wahl zu haben als jede Einigung zu akzeptieren.

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