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„Gelbwesten“-Proteste : Wenn der Koch zum „Kollaborateur“ wird

„Weltweite Revolution gegen die Finanzwirtschaft“: Ein Gelbwesten-Demonstrant in Paris. Bild: dpa

Ein Pariser Starkoch kritisiert die Randalierer unter den „Gelbwesten“. Kurz darauf wird sein Restaurant verwüstet. Stecken die „Gelbwesten“ dahinter?

          Stecken „Gelbwesten“ hinter dem Brandanschlag? Unbekannte Täter haben am Restaurant des Starkochs Yannick Delpech ganz in der Nähe des Airbus-Geländes in Toulouse Feuer gelegt. Delpechs Auto ging in Flammen auf, in der Küche und in der Kühlkammer entstanden teils schwere Schäden.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Delpech ist davon überzeugt, dass die Brandstiftung mit seiner Kritik an den Randalierern unter den „Gelbwesten“ zusammenhängt. Auf seiner Facebook-Seite hatte der 43 Jahre alte Sternekoch am 20. Januar vor den Folgen der Beschädigungen und der blinden Gewalt „einer Minderheit“ unter den „Gelbwesten“ gewarnt. „Ich werde nicht resignieren und angesichts der Beschimpfungen, Einschüchterungsversuche, Zerstörungswut und Gewalt einer Minderheit klein beigeben“, schrieb Delpech. Sein Restaurant bleibe geöffnet. „Anarchisten und Rassisten“ würden inmitten der von legitimen Forderungen getragenen sozialen Proteste Chaos stiften. Toulouse ist eine der Hochburgen der „Gelbwesten“-Bewegung. In der Stadt kam es bei den Samstagsdemonstrationen wiederholt zu Ausschreitungen. Delpechs Restaurant „L’Amphitryon“ liegt abseits der Innenstadt von Toulouse eher versteckt an einer Seitenstraße etwa zehn Kilometer vom Flughafen Toulouse-Blagnac in der Ortschaft Colomniers.

          Nach dem Facebook-Eintrag Delpechs kam es in der Nacht vom 21. auf den 22. Januar zu einem Einbruch im Restaurant. Die Täter beschmierten die Fassade des Restaurants mit schwarzer Farbe und schrieben unter anderem „GJ“ für „gilets jaunes“ (Gelbwesten) und „Kollaborateur“ darauf.

          Mit dem Begriff, der auf die französischen Kollaborateure während der deutschen Besatzungszeit anspielt, bezeichnen „Gelbwesten“ all jene, die mit dem „Regime“ Präsident Macrons zusammenarbeiten. In der Nacht zum Montag dann fing das vor dem Restaurant geparkte Auto des Kochs Feuer. Der Rauch drang auch in das Gebäude ein und hat nach Aussagen Delpechs die Klimaanlage und das Kühlsystem beschädigt.

          Drohbotschaften und Beschimpfungen

          Auf die berühmte Lauragais-Ente in Kruste mit schwarzem Pfeffer, Koriander und Kreuzkümmel müssen die Gäste vorerst verzichten, der Betrieb bleibt bis auf weiteres geschlossen. Der Staatsanwalt in Toulouse hat am Dienstagabend bestätigt, dass das Feuer „absichtlich“ gelegt wurde. Nun werde geprüft, ob es einen Zusammenhang mit dem Einbruch und den Schmierereien gebe – und ob womöglich „Gelbwesten“ hinter den Straftaten stecken.

          Delpech, der Sohn eines Winzers und einer Köchin, hatte im Jahr 2000 im Alter von 24 Jahren als damals jüngster Koch seinen ersten Michelin-Stern errungen. Er glaubt fest daran, dass in Frankreich ein Aufstieg wie seiner über harte Arbeit und Talent möglich ist. Aber gerade mit dieser zur Schau gestellten Leistungsbereitschaft eckt Delpech offensichtlich bei vielen „Gelbwesten“ an. Auch über die sozialen Netzwerke erhielt der Koch Hunderte von Drohbotschaften und Beschimpfungen.

          Die Regionalzeitung „Midi-Libre“ berichtete am Dienstag darüber, wie sehr couragierte Bürger in Toulouse während der „Gelbwesten“-Demonstrationen von gewaltbereiten Mitgliedern drangsaliert würden. Die Zeitung schilderte den Fall eines 73 Jahre alten Kardiologen, dessen Wohnung über der Filiale der Bank Crédit Mutuel in der Innenstadt liegt.

          „Ingrid, du hast deine Seele verkauft.“

          Als vermummte Randalierer bei der Samstagsdemonstration mit dem Hammer auf die Fassade der Bankfiliale einzuschlagen begannen, trat der Arzt auf seinen Balkon, um die Gewalttäter zu vertreiben. Er wurde von ihnen mit Steinen beworfen und erlitt Verletzungen an der Hand und an der Hüfte. „Sie brüllten dreckiger Jude und Scheiß-Großbürger“, sagte der Kardiologe der Zeitung. Sie hätten ihn „gelyncht“, wenn er nicht in seine Wohnung geflüchtet und die Polizei alarmiert hätte. Die „Gelbwesten“ bedrohen einander auch gegenseitig. Die selbsternannte Spitzenkandidatin der „Gelbwesten“ bei den Europawahlen, Ingrid Levavasseur, ist seit ihrer Ankündigung zur neuen Hassfigur in den sozialen Netzwerken geworden. Einer der Wortführer der „Gelbwesten“, Maxime Nicolle alias Fly Rider, sagte: „Ingrid, du hast deine Seele verkauft und Hunderttausende von ,Gelbwesten‘ verraten.“

          Zwei von Levavasseurs Mitstreitern zogen ihre Kandidatur zurück, weil sie sich von den Hassnachrichten bedroht fühlten. „Ich will Abstand gewinnen“, sagte Hayk Shahinyan, der den Europawahlkampf leiten sollte. Nicolle kündigte am Mittwoch an, Frankreich zu verlassen, sollte Präsident Macron in den nächsten zwei Wochen „dem Volk“ nicht „konkrete finanzielle Zusagen“ machen.

          Ein anderer Wortführer, Eric Drouet, kündigte ebenfalls am Mittwoch an, Innenminister Christophe Castaner wegen Verleumdung anklagen zu wollen. Gegen Drouet läuft ein Strafverfahren, weil er nach der Samstagsdemonstration zu einem „Aufstand mit allen Mitteln“ aufgerufen hatte. Drouet wollte damit „Gelbwesten“ zu Racheakten anstacheln, nachdem einer seiner Mitstreiter bei der Demonstration am Auge verletzt wurde.

          Die nationale Debatte, die Präsident Macron Mitte Januar angestoßen hat, stößt zum Missfallen vieler „Gelbwesten“ auf regen Anklang. Im Internet gingen bislang eine halbe Million Vorschläge zu der Debatte ein, wie die zuständige Staatssekretärin Emmanuelle Wargon sagte.

          Die „Gelbwesten“ kritisieren die offizielle Internetplattform jedoch als „undemokratisch“ und richteten eine alternative Debattenplattform ein. Sie nutzen dabei den gleichen Anbieter. Die Samstagsdemonstrationen sollen trotz der Debatte nicht beendet werden. „Gelbwesten“-Wortführer Drouet kündigte an, der zwölfte Protestsamstag werde den Verletzten und „Opfern der Polizeigewalt“ gewidmet.

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