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Prozess gegen Kardinal Pell : Schuldig, aber kein Sündenbock

Bild: EPA

Ein Gericht in Melbourne hat die Haftstrafe für den wegen Kindesmissbrauchs verurteilten ehemaligen Finanzchef des Vatikans George Pell bestätigt – ohne ihn dabei zum Symbol zu machen.

          Es ist noch gar nicht so lange her, da bekleidete der australische Kardinal George Pell eines der wichtigsten Ämter im Vatikan. Doch an diesem Mittwoch nimmt er als verurteilter Kinderschänder im Gericht in Melbourne Platz. Dabei wird er von mehreren bewaffneten Uniformierten begleitet. Der 78 Jahre alte Kardinal sieht so aus, als wäre er in den vergangenen Wochen, seitdem ein Richter sein Strafmaß verkündet und er daraufhin direkt ins Gefängnis gebracht wurde, um ein paar Jahre gealtert. Die Schultern sind gekrümmt, die Haare etwas länger und unfrisiert. Am Stock geht er allerdings nicht mehr. Offenbar war die Knieoperation, der er sich während seiner Haftzeit unterziehen musste, erfolgreich.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Thomas Jansen

          Redakteur in der Politik.

          Doch der Tag in Melbourne beginnt für ihn gleich mit einem herben Rückschlag. Nur wenige Minuten, nachdem der Kardinal Platz im Obersten Gericht des Bundesstaates Victoria genommen hat, verliest die Vorsitzende Richterin Anne Ferguson das Urteil des Berufungsgerichts. Mit einer Mehrheit von zwei der insgesamt drei Richter habe das Gericht seine Einwände gegen das Urteil abgewiesen. „Er wird seine Strafe von sechs Jahren Haft weiter absitzen. Er wird sich weiter nach drei Jahren und acht Monaten um frühzeitige Haftentlassung bewerben dürfen“, liest die Richterin vor. Es dauert ein paar Sekunden, bis die Zuschauer begreifen, was gerade passiert ist. Eine Frau beginnt, sehr laut zu atmen. Einem bekannten australischen Journalisten entfährt ein Schimpfwort.

          Pell selbst nimmt das Urteil mit steinerner Miene auf. Später teilt er in einer schriftlichen Stellungnahme mit, dass er „offensichtlich“ enttäuscht sei. Er beteuert noch einmal seine Unschuld. Nun bleibt ihm nur noch der Gang vor das Höchste Gericht. Dafür hat Pell 28 Tage Zeit. Der Schritt hat allerdings nach Einschätzung von Fachleuten nur sehr geringe Aussicht auf Erfolg. Dabei hat sein Prozess tatsächlich in Australien „die Gemeinschaft gespalten“ wie die Vorsitzende Richterin sich ausdrückt. Noch bei der Verkündung des Strafmaßes im März hatten bekannte konservative Kommentatoren das Urteil kritisiert. Von einer Hexenjagd gegen die katholische Kirche war die Rede.

          Es ist ein Graben, der sich auch an diesem Tag durch den Gerichtssaal zieht. Dort lassen einige der Zuhörer nach Ende der Verhandlung ihren Gefühlen freien Lauf. Eine Frau spricht lautstark von einem „Känguru-Gericht, das ein Känguru-Urteil“ gesprochen habe. Sie gehört zu den treuen Anhängern Pells. „Die Gerechtigkeit hat gesiegt“, sagt dagegen eine ältere Dame, die zu seinen Kritikern zählt. Ein früheres Missbrauchsopfer eines katholischen Priesters bricht noch im Gerichtsgebäude in Tränen aus. Draußen auf dem Gehweg geben diejenigen, die sich als Gewinner des Tages fühlen, am laufenden Band Interviews. Von einem „phantastischen“ Urteil ist die Rede, einem Signal an alle Missbrauchsopfer, die sich bisher noch nicht getraut haben, ihre Geschichte zu erzählen.

          Dabei haben die Richter in Melbourne immer wieder klargemacht, dass sie Pell nicht zum Sündenbock für eine Kirche machen wollten, die über Jahrzehnte bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen versagt habe. Das hält aber viele nicht davon ab, Pell dennoch als Symbol zu sehen für die Verfehlungen der Kirche oder für deren vermeintliche Verfolgung. Das Urteil erschien zudem vielen als angreifbar, da es sich – wie in Missbrauchsfällen nicht unüblich – allein auf die Aussage eines der beiden Opfer gestützt hatte. Ein zweiter Chorknabe, der ebenfalls Opfer Pells geworden war, war einige Jahre zuvor verstorben. Der vom Gericht vernommene heute 35 Jahre alte Chorknabe hatte angegeben, Ende des Jahres 1996 von Pell in der Sakristei der Kathedrale von Melbourne unter anderem zu Oralsex gezwungen worden zu sein.

          Pells Anwälte hatten alles daran gesetzt, Zweifel an der Version des Zeugen zu säen. Sie wandten ein, dass es unmöglich oder zumindest unwahrscheinlich sei, dass der Missbrauch in der Kathedrale nach Ende der Messe an einem Sonntag hätte stattfinden können, weil zu viele Leute anwesend gewesen wären. Allerdings haben die zwölf Geschworenen den Zeugen als glaubwürdig eingestuft – und nun auch zwei der drei Richter im Berufungsverfahren. Nur der Richter Mark Weinberg schließt sich am Donnerstag der Darstellung der Verteidigung an, wonach die Geschworenen durchaus Anlass zu Zweifeln an der Schuld des Angeklagten hätten haben können. Dies begründet er mit Widersprüchen und Unstimmigkeiten in der Aussage des Belastungszeugen. Doch die Vorsitzende Richterin Ferguson und der Präsident des Berufungsgericht, Chris Maxwell, sind anderer Ansicht. „Während seiner gesamten Aussage wirkte er wie einer, der die Wahrheit sagt“, heißt es in ihrer Begründung.

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