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Noch kein sicherer Hafen : Rettungsschiffe harren seit fünf Tagen auf See aus

Das deutsche Rettungsschiff „Alan Kurdi“ fährt seine achte Mission in diesem Jahr. Bild: Karsten Jäger/Sea-Eye

Die Hängepartie der privaten Seenotretter geht weiter: Die „Alan Kurdi“ und die „Ocean Viking“ warten seit fünf Tagen auf die Zuweisung eines sicheren Hafens. Doch bislang hat nur der Bürgermeister von Palermo symbolisch Hilfe angeboten.

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          Die Rettungsorganisationen „Sea-Eye“ und „SOS Mediterranee“ drängen seit fünf Tagen vergeblich auf die rasche Zuweisung eines sicheren Hafens für ihre Schiffe „Alan Kurdi“ und „Ocean Viking“. In drei Einsätzen hatten die jeweiligen Crews am vergangenen Donnerstag insgesamt 144 Menschen aus dem Mittelmeer gerettet, bislang aber weder von den italienischen noch von den maltesischen Behörden die Genehmigung erhalten, einen europäischen Hafen anzulaufen. Beide Staaten haben sich nach Angaben der Organisationen als nicht zuständig erklärt. Einen libyschen Hafen anzusteuern lehnen die Schiffe mit Verweis auf das Völkerrecht ab.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          „Wir hoffen, dass es bald eine Lösung gibt“, sagt Barbara Hammel-Kraus, die als Ärztin an Bord der „Alan Kurdi“ ist, der F.A.Z. 23 Menschen mussten die italienischen Behörden bereits aus medizinischen Gründen nach Lampedusa bringen, darunter auch zwei Neugeborene im Alter von vier und acht Wochen. Eines der Babys sei sehr schwach und unterernährt gewesen, berichtet Hammel-Kraus. „Wir haben keinen Kinderarzt und auch keine Zugänge für Kinder an Bord.“ In den folgenden Tagen seien nach und nach mehrere Frauen kollabiert, die an Bord schlecht stabilisiert werden konnten. Sie wurden mit ihren Männern an Land gebracht. Bei einer Panikattacke habe ein Mann zudem seinen Kopf gegen die Wand geschlagen. Derzeit sei die Situation wieder „übersichtlich“, doch allmählich gingen die Infusionen aus. Zudem seien die Wetteraussichten schlecht, unter Deck gebe es aber kaum Unterbringungsmöglichkeiten für die Migranten.

          Inzwischen hat die „Alan Kurdi“ noch 61 Menschen an Bord. Drei Kinder sowie 18 weitere Minderjährige und 17 Frauen befinden sich unter ihnen. Das Schiff befand sich am Dienstagabend auf dem Weg nach Palermo. Bürgermeister Leoluca Orlando, der am Dienstag bei der Vorstellung des Bündnis „United4Resuce“ in Hamburg war, teilte der Crew via Twitter mit, „Palermo ist Stadt der Willkommenskultur, unser Hafen will immer offen sein“. Er forderte den italienischen Ministerpräsidenten Giuseppe Conte deshalb auf, der „Alan Kurdi“ seine Stadt als sicheren Hafen zuzuweisen. „Wir sind uns bewusst, dass die politische Entscheidung im italienischen Innenministerium gefällt wird“, sagt „Sea-Eye“-Medienkoordinator Johannes Graeven. Ohne offizielle Erlaubnis werde man keinesfalls in italienische Gewässer einfahren. Das Auswärtige Amt und die EU-Kommission seien mit dem Fall befasst.

          Ebenfalls auf eine Lösung wartet die von „SOS Mediteranee“ und „Ärzte ohne Grenzen“ betriebene „Ocean Viking“. Die Crew nahm am späten Donnerstagabend 60 Menschen bei hohem Wellengang von einem Holzboot auf. „Gesundheitlich sind die Geretteten stabil, aber das Wetter verschlechtert sich zunehmend“, berichtet Crew-Mitglied Margarete Lütke-Twenhöven der F.A.Z. „Viele an Bord sind bereits seekrank.“ Unter den Geretteten seien auch zwei Kinder im Alter von drei Jahren und drei Monaten sowie drei Frauen. „Derart Schutzbedürftige auf See stranden zu lassen, ist nicht nur Völkerrechtsbruch, sondern zutiefst unmenschlich“, sagte der Geschäftsführer von SOS Mediterranee Deutschland, David Starke, am Dienstag der Katholischen Nachrichtenagentur.

          Im September hatte sich Deutschland mit Frankreich, Italien und Malta eigentlich auf eine Übergangslösung zur Verteilung aus Seenot geretteter Migranten geeinigt. Dennoch mussten zivile Seenotretter und Migranten zuletzt abermals mehrere Tage auf See ausharren, bis auf europäischer Ebene geklärt werden konnte, welche Länder zur Aufnahme der Migranten bereit sind. 

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