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Griechenland : Der Bedarf an Wunderheilern ist gedeckt

Griechenland hat entschieden – und Griechenland will Kyriakos Mitsotakis (links), Präsident der konservativen bisherigen Oppositionspartei Nea Dimokratia. Bild: dpa

Vor vier Jahren hielt Griechenland Europa und die Finanzwelt in Atem. Viele glaubten den Versprechungen von Tsipras und Varoufakis, die Schuldenkrise ließe sich einfach wegzaubern. Heute setzen nur noch wenige auf politische Illusionskünstler.

          Man hört in letzter Zeit wenig von den Griechinnen. (Griechen sind im folgenden Text immer mitgemeint.) Es ist still um sie geworden wie um alternde Operndiven oder greise Schauspieler, die zwar früher auf den großen Bühnen der Welt zu Hause waren, dies nun aber nur noch in ihren abgedunkelten Wohnungen sind, wo sie den großen Zeiten hinterhertrauern und abends Kekse in Milch tunken, da sie nicht mehr gut kauen können.

          Vor vier Jahren haben die Griechinnen Europa und die Finanzwelt in Atem gehalten. Alexis Tsipras und sein Finanzminister Giannis Varoufakis behaupteten, sie könnten die Schuldenkrise aus ihrem Land einfach wegzaubern. Und viele Griechinnen glaubten ihnen. Sie hatten, so viel Vereinfachung muss erlaubt sein, ein ungewöhnliches Verhältnis zur Realität. In den turbulenten ersten Monaten der Tsipras-Regierung wurde das zu keinem Zeitpunkt deutlicher als im Juli 2015.

          Damals fand ein Referendum in Griechenland statt, bei dem von den 62,5 Prozent der Wahlberechtigten, die daran teilnahmen, 61,3 Prozent gegen die Sparauflagen der Gläubigerinnen stimmten. Als das Ergebnis bekannt wurde, gab es spontane Freudenfeste auf den Straßen. Die Menschen tanzten und umarmten sich, „Wir haben gesiegt“, riefen sie einander zu. Ein „Triumph der Demokratie“ wurde proklamiert.

          Die Feiernden glaubten, etwas mehr als sechzig Prozent von gut sechzig Prozent der Wähler in einem elf Millionen Einwohner zählenden Staat hätten die übrigen etwa 323 Millionen Bürger der Eurozone durch ihr „Oxi“ (Nein) in die Pflicht genommen.

          Entscheidung für Verlässlichkeit und Seriosität

          Doch da auch die anderen 18 Staaten der Eurozone Demokratien sind, deren Politikerinnen gewählt werden und sich vor ihren Wählerinnen verantworten müssen, kam es anders. Das Referendum änderte nichts, die Griechinnen mussten die Sparauflagen der Geldgeberinnen erfüllen, solange sie im Euro bleiben wollten. Und das wollten die meisten.

          Vier Jahre später, also jetzt, wurde in Griechenland wieder abgestimmt, und nun stellt sich die Lage ganz anders dar. Knapp 58 Prozent der Griechinnen nahmen an der Parlamentswahl teil, also wiederum recht wenig. Von ihnen stimmten 39,85 Prozent dafür, dass künftig der wirtschaftsliberale Politiker Kyriakos Mitsotakis das Land steuern soll. Er steht für Verlässlichkeit und Seriosität.

          Mitsotakis hat einen Wahlkampf geführt, mit dem er 2015 keinen Blumentopf gewonnen hätte. Große Versprechungen hat er vermieden. Die Vereinbarungen mit den Geldgeberinnen, auf deren Gunst das weiterhin hochverschuldete Land auch künftig angewiesen sein wird, will er nicht in der Luft zerreißen wie einst Tsipras. Das hätten die Griechinnen auch nicht unterstützt.

          An politische Wunderheiler glauben nur noch wenige in Griechenland. Genaugenommen waren es zuletzt mutmaßlich noch 3,44 Prozent der Abstimmenden. Das ist jedenfalls der Stimmenanteil, den Giannis Varoufakis mit seiner neuen Linkspartei erhalten hat.

          Der frühere Finanzminister redet immer noch so wie vor vier Jahren. Nur will das eben kaum noch wer hören. Tsipras dagegen könnte klüger vorgehen. Ihm ist zuzutrauen, dass er jetzt versucht, sich in der Opposition neu zu erfinden.

          Einmal ist ihm das schon gelungen. Aus dem Rebellen der Anfangszeit ist ein linker Pragmatiker geworden. In dieser Rolle könnte er politisch überleben. Der Bedarf der Griechinnen an Illusionskünstlern ist gedeckt.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

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