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Frankenberger fragt : Was wird aus der deutschen Führung in Europa, Professor Hellmann?

Übernimmt Macron Merkels Rolle? Der Politikwissenschaftler Gunther Hellmann spricht von einem völlig anderen französischen Führungsverständnis. Bild: Reuters

Vor knapp zehn Jahren sagte Polens Außenminister Sikorski, er fürchte deutsche Passivität mehr als deutsche Führung. Wie wird sich Deutschlands Rolle verändern, wenn die Ära Merkel zu Ende geht? Wir fragen beim Frankfurter Politikwissenschaftler Gunther Hellmann nach.

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          Als der damalige polnische Außenminister Sikorski vor knapp zehn Jahren von Deutschland Führungsverantwortung in Europa verlangte, war das eine kleine Sensation. Warum das so war, musste und muss man nicht lange erklären. Der Hinweis auf die Geschichte reicht vollkommen aus. In der Schulden- und Eurokrise wurde Deutschland zur maßgeblich bestimmenden Macht, der Einfluss der Bundeskanzlerin wuchs von Krisentreffen zu Krisentreffen. Weithin wurde notiert, dass nunmehr auch der politische Einfluss Deutschlands zunehme; in der Disziplin Wirtschaft und Handel war es sogar Weltmacht und ist das bis heute geblieben. Wenn die Frage nach der Führung in „Europa“ gestellt wurde und damit nicht nur Brüsseler Institutionen gemeint waren, dann richtete sich der Blick zunehmend auf Berlin, selbst von Warschau aus.

          Klaus-Dieter Frankenberger
          Redakteur in der Politik.

          Was damals freilich oft außer Acht gelassen wurde, war der zweite Teil der Rollenzuschreibung Sikorskis. Ja, er hatte gesagt, deutsche Passivität fürchte er mehr als deutsche Führung, die er ausdrücklich guthieß – aber natürlich vor allem und nur dann, wenn das Land in der Mitte die Interessen der Partner berücksichtige und diese in die Entscheidung einbeziehe. Also keine Hegemonie, keine unilateralen Entscheidungen, allenfalls eine durch Konsens gezähmte Dominanz. Die Herangehensweise entsprach ganz der Überzeugung Angela Merkels. Wenn Deutschland „führe“, dann nicht per Oktroy, sondern durch das geduldige Ausbalancieren von Interessen und das Aushandeln von Kompromissen. Dass es Fälle gab, bei denen Deutschlands Partner die Berliner Politik ganz anders wahrnahmen als immer nur kompromissorientiert, steht auf einem anderen Blatt.

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