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Bootsunglück vor Lampedusa : Die große Wanderung

Eine Überlebende des Bootsunglücks in einem Krankenhaus von Palermo Bild: AP

Zwischen Westafrika und Vorderasien warten nicht Zehn- oder Hunderttausende auf eine günstige Gelegenheit, endlich nach Europa aufzubrechen, weil dort Milch und Honig flössen - es sind Millionen.

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          Vor Lampedusa hat sich eine furchtbare Katastrophe ereignet; vermutlich sind mehr als dreihundert Frauen und Männer umgekommen, ertrunken. Sie haben ihr Leben verloren auf der Suche nach einer besseren Zukunft in Europa. In ihren Heimatländern haben sie keine Perspektive gesehen; dort herrschen vielfach Elend, Gewalt und Krieg.

          Niemand kann es den Leuten verdenken, dass sie weg wollen, dabei Entbehrungen auf sich nehmen und sich in die Hände von Schleuserbanden begeben. Europa kann vermutlich mehr von ihnen legal aufnehmen und für einen menschenwürdigen Empfang sorgen. Muss es aber alle aufnehmen, die weg wollen?

          Nach dem Unglück vom Donnerstag und wegen der vielen Menschen, die schon in den vergangenen Monaten die Überfahrt, vor allem nach Italien, nicht überlebt haben, ist die Empörung groß. Die europäische Flüchtlingspolitik sei verfehlt. Es sei eine Schande, dass Europa „die Schotten dicht“ mache. Es stimmt: Die europäische Politik hat vornehmlich das Ziel, illegale Einwanderer – und um solche handelt es sich – abzuwehren. Es stimmt auch, dass die europäischen Länder untereinander nicht hinreichend solidarisch sind; Italien beklagt sich darüber schon lange, zu Recht. Aber fairerweise muss man sagen, dass das Ausmaß selbst die vernünftigste Flüchtlingspolitik überfordern würde.

          Das Nord-Süd-Gefälle ist zu groß

          Zwischen Westafrika und Vorderasien warten nicht Zehn- oder Hunderttausende auf eine günstige Gelegenheit, endlich nach Europa aufzubrechen, weil dort Milch und Honig flössen; es sind Millionen. Die „solidarische Willkommenskultur“, die hierzulande nun gefordert wird, wäre faktisch eine Einladung zu einer gigantischen Wanderungsbewegung. Europa, wo das Thema Einwanderung ohnehin den Rechtspopulismus befeuert, ist nicht Amerika oder Australien – und selbst deren Bürger und Regierungen glauben, anders als durch barsche Abwehrmaßnahmen des Problems nicht mehr Herr zu werden.

          Die Ehrlichkeit gebietet es, sich einzugestehen, dass dieses Problem allenfalls langfristig zu lösen ist, wenn überhaupt. Jenseits der europäischen Grenzen, im Süden und Südosten, herrschen oft „perfekte“ wirtschaftliche, soziale und politische Abwanderungsbedingungen. Dort muss europäische Politik ansetzen: beitragen, die Lage zu verbessern und Konflikte zu bewältigen. Kurzfristig wird das den Druck jedoch nicht mindern. Dafür ist das Nord-Süd-Gefälle einfach zu groß.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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