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Toiletten für Transsexuelle : Alarm im Mädchenklo

  • -Aktualisiert am

Eine Demonstration gegen das Gesetz zur Toilettenbenutzung von Transgendern Bild: AP

Der Streit um die Homoehe ist entschieden. Doch nun haben Amerikas Kulturkämpfer ein neues Thema entdeckt - die Toilette. Besonders ein Gesetz in North Carolina heizt die Debatte an.

          Amerikas Streit über die Homosexuellenehe ist seit zehn Monaten entschieden. Vor dem Obersten Gericht unterlagen diejenigen, die das Recht auf Religionsfreiheit verletzt sahen, wenn gleichgeschlechtlichen Paaren eine Heiratsurkunde ausgestellt werden muss. Es obsiegten die Kläger, die in der klassischen Definition der Ehe einen Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot erkannten. Doch der Kulturkampf tobt weiter.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Konservative wie der Präsidentschaftskandidat Ted Cruz erklären die anstehenden Wahlen zu einem Referendum über die Religionsfreiheit. Und gut finanzierte Lobbygruppen für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LGBT) erklärten das Urteil nur zu einem Etappensieg. Als Nächstes fordern sie ein nationales Antidiskriminierungsgesetz nach dem Vorbild des Bürgerrechtsgesetzes von 1964, das die Rassentrennung beendete.

          Deshalb streitet Amerika jetzt erbittert über Toiletten. Die Gegner der LGBT-Gruppen haben nämlich einen Schlachtruf geprägt, hinter dem sich Hunderttausende sammeln mögen: „Keine Männer im Mädchenklo!“ Ihr Argument lautet so: Wenn es Transgendern erlaubt werde, etwa an Schulen die Toilette oder Umkleidekabine aufzusuchen, die ihrer geschlechtlichen Identität und nicht ihren körperlichen Merkmalen entspreche, dann könne man Mädchen nicht mehr vor Spannern und Vergewaltigern schützen.

          Rechte von Transgendern längst geschützt?

          Denn ein Mann brauche dann nur zu bekunden, „dass er sich heute als Frau fühlt“. Die Interessenvertreter der Transsexuellen (die eine operative Geschlechtsumwandlung anstreben) und Transgender (die mit der Diskrepanz zwischen körperlichem und gefühltem Geschlecht leben) erklären das für einen Mythos. In den 18 Bundesstaaten, wo die Rechte von Transgendern längst geschützt seien, sei nie ein solcher Vorfall gemeldet worden.

          Nach Schätzungen ist etwa jeder 340. Amerikaner Transgender. Die Lobbygruppe „Human Rights Campaign“ verweist auf eine Studie, wonach ihr Selbstmordrisiko steige, wenn ihnen die freie Toilettenwahl verweigert werde.

          Diese Woche warfen sich die Lager ihre Klo-Argumente vor dem Kapitol in Raleigh im Bundesstaat North Carolina an den Kopf. Dort trat das Parlament am Montag zum ersten Mal zusammen, nachdem es im März auf einer eigens einberufenen Sondersitzung binnen 24 Stunden ein Gesetz vorgeschlagen, verabschiedet und vom Gouverneur unterzeichnen lassen hatte, das Aktivisten als „eines der extremsten Anti-LGBT-Gesetze“ des Landes bekämpfen. Grund für die Eile war ein Beschluss in Charlotte, North Carolinas größter Stadt.

          Staat zahlt Preis

          Der im Gegensatz zum Parlament des Staates von den Demokraten dominierte Stadtrat hatte es Unternehmen verboten, auf Grundlage der sexuellen Orientierung oder Identität zu diskriminieren. Bevor die Gegner die Toilettenfrage hervorhoben, war das vor allem im Hinblick auf die Hochzeitstortenproblematik diskutiert worden: Muss sich ein evangelikaler Konditor weigern dürfen, zum Buffet einer Schwulenhochzeit beizutragen?

          Gouverneur Pat McCrory hatte den Stadtrat gewarnt. Nun paukte der Republikaner im Eilverfahren ein Gesetz durch das Parlament. Es verbietet erstens allen Kommunen Antidiskriminierungsrichtlinien, die über die des Staates hinausgehen. Ferner schreibt das neue Gesetz vor, dass in Schulen und Regierungsgebäuden nur die Toilette aufgesucht werden darf, die dem auf der Geburtsurkunde vermerkten Geschlecht entspricht. Der Eintrag auf der Geburtsurkunde kann nur nach einer Operation geändert werden.

          LGBT-Gruppen stürzten sich auf das neue Betätigungsfeld. Je heftiger der Streit, desto größer die Chance, dass die Spender nach dem Durchbruch bei der Homoehe nicht den Elan verlieren. Aus der Organisation „Freiheit zum Heiraten“ wurde die Gruppe „Freiheit für alle Amerikaner“. Am Montag überreichten Aktivisten in Raleigh 190.000 Unterschriften. Der Gouverneur gab sich unbeugsam, aber sein Staat zahlt einen Preis: Die Lobbyisten haben einen Boykott organisiert.

          Cruz gießt Öl ins Feuer

          Bruce Springsteen und Pearl Jam sagten Konzerte ab. PayPal und die Deutsche Bank legten Pläne auf Eis, Hunderte Jobs in North Carolina zu schaffen. Diese Karte spielen die Aktivisten auch deshalb aus, weil sie Ende des vorigen Jahres eine Niederlage in Texas erlebten. In Houston hatten sie viel investiert, um die dortigen Antidiskriminierungsrichtlinien vor einer Anfechtung zu bewahren. Mehr als 157.000 Einwohner stimmten dann aber in einem Referendum gegen die Regelung, der nur rund 100.000 Wähler zustimmen mochten.

          Wie Charlotte und fast alle Groß- oder Universitätsstädte in den Vereinigten Staaten ist auch Houston eine demokratische Enklave in einem konservativen Staat. Houston ist allerdings auch die Heimat des Tea-Party-Manns Ted Cruz. Ihm ist an der Eskalation des Streits mindestens so sehr gelegen wie den Aktivisten.

          Trump gibt sich pragmatisch

          Cruz schimpfte kurz nach dem Referendum in Houston, Präsident Barack Obama wolle in allen Schulen „Jungen mit kleinen Mädchen duschen lassen“. Donald Trump dagegen, der im Rennen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur klar vor Cruz führt, plädiert für Pragmatismus.

          Es gebe keine Probleme mit der Regelung in Charlotte außer dem Wirtschaftsboykott, insofern solle man „alles lassen, wie es ist“, sagte er am Wochenende. Und wenn Caitlyn Jenner, Amerikas berühmteste Transfrau, ihn im Trump-Tower besuche, dann stehe ihr auch die Damentoilette offen.

          Für Cruz ist das ein gefundenes Fressen, um den Republikanern einzubleuen, dass Trump ein linkes Lamm im konservativen Wolfspelz sei. Der New Yorker Milliardär wolle es „erwachsenen Männern erlauben“, so heißt es in einem Cruz-Werbespot, „mit Ihrer Tochter und Ihrer Frau auf die Toilette zu gehen“.

          Dann wird Trump gezeigt, wie er fordert, dass „Leute auf die Toilette gehen sollen, die ihnen angemessen erscheint“. Trump, folgert Cruz, „wird sich mit der Meinungspolizei der politisch Korrekten nicht anlegen. Er gehört selbst dazu.“

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