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Veröffentlicht: 12.08.2015, 15:42 Uhr

Arbeitszeiten Das Ende der Stechuhr

Acht Stunden arbeiten und danach fängt das Leben an: Das war einmal. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen immer mehr. Das muss aber kein Grund zum Jammern sein. Im Gegenteil.

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© INTERFOTO Werbung aus den 30er-Jahren: Arbeiter an einer Stempeluhr

Man weiß nicht genau, ob das hier noch eine Firma ist oder schon ein Wohnzimmer. Um den langen Esstisch stehen zusammengewürfelte Stühle, mit viel Aufwand so gestylt, als kämen sie vom Sperrmüll. Wer es gemütlicher mag, kann es sich in der Ecke auf ausrangierten Flugzeugsitzen der Lufthansa bequem machen. Die Bewohner der Etage, Durchschnittsalter Ende zwanzig, machen den Eindruck einer Wohngemeinschaft. Das Unternehmen, das in diesem Haus die Räume vermietet, wirbt mit dem Slogan: „Arbeiten unter Freunden“.

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Frederik Brantner redet sich in Rage. Der junge Mann betreibt in der Münchener „Friendsfactory“ ein Start-up, das Roboter für die Logistikbranche entwickelt. Sie können zum Beispiel im Lager von Amazon die Bücher vollautomatisch aus den Regalen holen. Das wird viele Arbeitsplätze überflüssig machen. Aber es sind die Jobs, über deren Arbeitsbedingungen die Gewerkschaft sowieso immer schimpft, weil die Mitarbeiter kilometerweit durch die großen Hallen hetzen müssen, jeden Tag. Ist das also gut oder schlecht? Wenn er sein Geschäftsmodell an der Uni vorstellt, sagt Brantner, gebe es darüber bisweilen recht heiße Diskussionen.

Und nicht nur dort: Die Debatten gehen quer durch die Gesellschaft, und sie reichen bis in die Politik. Denn die verwirrende neue Arbeitswelt passt nicht zu den bestehenden Regeln, die allesamt aus einer ganz anderen Epoche stammen: einer mit klar eingeteilten Arbeitszeiten und abgrenzbaren „Arbeitsstätten“, wie es in den Gesetzen heißt. Es war eine Welt, als ein Büro noch wie ein Büro aussah und ein Wohnzimmer noch wirklich ein privates Wohnzimmer war. Die Grenze zwischen beiden Sphären markierte ein Apparat, der aus immer mehr Firmen verschwindet und den Brantners Generation kaum noch kennt: die Stechuhr.

Berliner Unternehmen Wooga entwickelt erfolgreich Social Games © dapd Vergrößern Alles bunt: Mitarbeiter der Computerspielefirma Wooga holen sich Kaffee in der Küche des Berliner Firmensitzes.

Dass es diese Arbeitswelt kaum mehr gibt, hat auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles verstanden. Die Sozialdemokratin bemüht sich gerade nach Kräften, die Bedürfnisse der neuen Zeit zu begreifen. Im Frühjahr hat sie ein „Grünbuch“ übers digitale Arbeiten herausgegeben, den Sommer über bereiste sie diverse Firmen, Ende August will sie für ein paar Tage ins Silicon Valley fliegen. Gewappnet mit diesem Verständnis, will sie die bestehenden Regelungen irgendwann anpassen.

Das wird noch dauern – zu lange, für Brantners Geschmack. Der Jungunternehmer und seine Kollegen in der „Friendsfactory“ sind von einer 40-Stunden-Woche weit entfernt. Ihr Geschäftsmodell beruht darauf, dass sie auch mal die Nächte durcharbeiten. Und billige Praktikanten frisch von der Uni verpflichten. Sie bekommen 600 bis 1000 Euro im Monat, viel weniger als den Mindestlohn, und machen oft mehr als die Hälfte der Belegschaft aus. Nur so kann es in der Anfangszeit eines Start-ups funktionieren, sagen die Chefs, und das Engagement zahle sich für die Praktikanten später aus.

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Sie verstehen gar nicht, wo das Problem liegen soll: Arbeit und Leben sind für sie eins. Die Idee einer „Work-Life-Balance“ suggeriert für sie, dass die Arbeit nicht das Leben ist – eine Vorstellung aus der alten Welt, wie sie glauben. „Ich hab’ so Spaß bei dem, was ich mache“, sagt Brantner. „Unsere Leute sind alle intrinsisch motiviert. Wenn ich denen eine Prämie zahlen würde, wären sie beleidigt.“ Stattdessen lobt er seine Mitarbeiter lieber auf Facebook. „Verdammt stolz auf das Magazino Team“, schreibt er. „Zwei Nächte und ein kompletter Kommissionierautomat steht.“

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