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Thyssen Krupp : Vize-Aufsichtsratschef zieht sich zurück

  • Aktualisiert am

ThyssenKrupp gerät schon wieder in die Kritik Bild: dpa

Der Stahlkonzern lud offenbar Gewerkschafter zu teuren Reisen ins Ausland ein. Der stellvertretende Aufsichtsratschef Bertin Eichler teilte mit, deswegen nicht mehr zur Wiederwahl antreten zu wollen.

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          Nach Milliardenverlusten, Kartellverstößen und dem Rausschmiss des halben Vorstands hat sich bei den Aktionären von Thyssen Krupp eine Menge Wut aufgestaut. Insbesondere Aufsichtsratschef Gerhard Cromme wird sich warm anziehen müssen, wenn die Anleger am Freitag kommender Woche zur Hauptversammlung nach Bochum strömen. „Cromme muss weg“, fordern einige Anteilseigner vor dem Treffen in der Ruhrgebietsstadt. Der 69-Jährige steht seit dem Jahr 2001 dem Kontrollgremium vor. In diese Zeit fallen Fälle illegaler Preisabsprachen ebenso wie die Planungen für das Desaster mit den neuen Stahlwerken in Übersee.

          Cromme lehnt einen Rücktritt jedoch ab. Er laufe nicht davon. „Der Aufsichtsrat, im Besonderen der Vorsitzende Dr. Cromme, hat in eklatanter Weise seine Aufsichts- und Prüfungspflichten verletzt“, beklagt Aktionär Ingo Weiß in einem Gegenantrag zur Hauptversammlung, zu der mehrere tausend Anleger erwartet werden. Obwohl Mängel bei den Planungen für die Stahlwerke in Übersee bereits vor Jahren erkennbar wurden, habe der Aufsichtsrat „der stümperhaft gemanagten Expansion keinen Einhalt geboten“. Dem Kontrollgremium solle die Entlastung verweigert werden. Dies dürfte die Krupp-Stiftung verhindern. Sie hält gut 25 Prozent der Anteile.

          Nun gibt es weitere Vorwürfe gegen ThyssenKrupp. Nach Angaben des „Handelsblatts“ vom Donnerstag habe der Industriekonzern Arbeitnehmervertreter des Aufsichtsrats zu teuren Reisen ins Ausland eingeladen. Die Zeitung berichtet mit Verweis auf interne Unterlagen, dass die Vertreter mehrfach in der ersten Klasse nach Asien und Amerika wie auch zu exotischen Zielen wie Kuba geflogen seien. Bei einer Reise nach Brasilien hätten neben der Besichtigung des neuen Stahlwerkes in der Metropole Rio de Janeiro ein Ausflug zum berühmten Zuckerhut auf dem Programm gestanden. Weiterhin lud ThyssenKrupp Bertin Eichler, den stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden und Mitglied der IG Metall, zu einem Formel-1-Rennen nach Schanghai ein. Dort hatte der Konzern eigens eine Loge gemietet, um seine Gäste zu bewirten.

          Eichler will die Erste-Klasse-Flüge nun nachträglich erstatten. „Es handelte sich um Reisen in Wachstumsmärkte, im Wesentlichen für die weiter aufstrebenden und rentablen Geschäftsfelder Anlagenbau und Aufzüge“, teilte Eichler am Freitag in Frankfurt mit. Er räumte aber ein: „Dennoch ist nicht alles richtig, was zulässig ist und üblich war. Aus diesem Grund werde ich ThyssenKrupp die Differenz der Kosten der First-Class-Flüge zu Business-Klasse erstatten.“ Zudem werde er bei der 2013 anstehenden Wahl der Arbeitnehmerseite in den Aufsichtsrat des Industriekonzerns nicht mehr kandidieren.

          „Der Vorstoß hat gegen die Regeln verstoßen“

          Der 99 Jahre alte Firmenpatriarch und Chef der Krupp-Stiftung, Berthold Beitz, hält vor der Hauptversammlung in der kommenden Woche zum umstrittenen Cromme. Vor gut einem Jahr hat er diesen zu seinem Wunschnachfolger ernannt. Dabei muss die Stiftung wie alle Aktionäre in diesem Jahr erstmals seit der Fusion von Thyssen und Krupp 1999 auf eine Dividende verzichten. Der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre nimmt das Management aufs Korn. „Der Vorstand von ThyssenKrupp hat gegen die Regeln verantwortungsvoller Unternehmensführung (Corporate Governance) verstoßen, Kartellrechtsverstöße begangen sowie unverantwortliche Investitionen in Stahlwerke und Rüstungsproduktion getätigt.“

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