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Neue Streiks : Machtkampf in der Lufthansa

  • -Aktualisiert am

Lufthansa-Flugzeuge am Mittwochmorgen auf dem Flughafen in Frankfurt Bild: Reuters

Die Lufthansa-Piloten streiken schon wieder. Dabei genießen sie hohe Privilegien. Aber die Pilotengewerkschaft nimmt die Realitäten nicht zur Kenntnis.

          Der Tarifkonflikt in der Deutschen Lufthansa wird zum Machtkampf zwischen der Konzernführung und den Piloten. Die Vereinigung Cockpit (VC), die das Gros der 5400 Lufthansa-Piloten vertritt, verschärft die Frequenz ihrer Arbeitskämpfe. So will sie nach dem harten Auftakt in diesen Tagen viele weitere Streiks im Wochenrhythmus bis zum Jahresende folgen lassen. Das Management versuchte vergeblich, die Branchengewerkschaft mit rechtlichen Mitteln zu stoppen, und will VC für die wirtschaftlichen Folgen zur Rechenschaft ziehen. Die Spartengewerkschaft soll für einen Teil des bisherigen Schadens von geschätzt 330 Millionen Euro zur Kasse gebeten werden.

          Der Konflikt ist ein Albtraum für die Passagiere, die seit April 2014 mit einer Serie von 13 Pilotenstreiks konfrontiert sind. Sie werden vorerst auf andere Verkehrsmittel ausweichen oder bei Konkurrenten buchen. Viele drohen der Lufthansa aber auf Dauer den Rücken zu kehren. Damit setzt sich die Erosion im angestammten Passagiergeschäft fort, das seit Jahren von der Substanz lebt und längst kräftig schrumpft.

          Marge reicht nicht, um Flotte zu sanieren

          Vor allem dank der üppigen Gehälter, der großzügigen Pensionsregeln und der guten Arbeitsbedingungen, die das fliegende Personal seit Jahren genießt, produziert die Lufthansa zu teuer. Sie erwirtschaftet mit 1,1 Prozent eine operative Marge, die deutlich unter den Werten vergleichbarer Wettbewerber liegt. Doch das reicht nicht, um die überalterte Flotte zu modernisieren, die rund 2,5 Milliarden Euro im Jahr kostet. Damit nicht genug: Ohne Sondereffekte wie billiges Flugbenzin, Währungsvorteile oder die kostengünstige Umstellung der Abschreibungsregeln für ihre Flotte hätte die Lufthansa im laufenden Geschäftsjahr einen Verlust zu verkraften. Auskömmliche Gewinne steuern im Konzern nur die vor Jahren grundlegend sanierte Swiss in Zürich sowie die Tochtergesellschaften Lufthansa Technik (Wartung) oder LSG Sky Chefs (Verpflegung) bei.

          Im eigentlichen Geschäft, dem Luftverkehr, wissen Wettbewerber den Bedeutungsverlust der Lufthansa geschickt zu nutzen.Im Europaverkehr graben Preisbrecher wie Easyjet, Ryanair oder Vueling Marktanteile und Kunden ab. Staatlich geförderte Rivalen wie Emirates aus Dubai oder Turkish Airlines machen der Lufthansa das lukrative Langstreckengeschäft streitig. Mit fatalen Folgen: Bis auf den lukrativen Nordamerikaverkehr sind Fernrouten in andere Überseeregionen nicht profitabel, viele Strecken stehen vor der Auslese, andere gelten als unwiederbringlich verloren.

          Um den Absturz der Kernmarke zu verhindern, ist Lufthansa-Chef Carsten Spohr auf den beschlossenen Aufbau der Zweitmarke Eurowings angewiesen. Die neu formierte Billigflug-Plattform ist strategisch wichtig, um im Heimatmarkt Easyjet, Ryanair und anderen die Stirn zu bieten, und auch, um auf der Fernstrecke zu bestehen. Im Gegensatz zur Muttergesellschaft wird Eurowings wachsen. Im nächsten Jahr soll die Flotte aus 90 Flugzeugen bestehen. Dabei liegen die Personalkosten um bis zu 40 Prozent unter dem Niveau der Lufthansa.

          Mit Eurowings, das sein Personal zu neuen Bedingungen einstellt, und dem Rückzug der Lufthansa aus dem Europaverkehr schwindet der Geltungsbereich des Konzerntarifvertrages – jenes Regelwerks, das Lufthansa-Piloten stattliche Gehälter, Übergangsrenten und Pensionszusagen garantiert. Diese Privilegien sind angesichts der Nullzinspolitik und des chronisch schwachen Passagiergeschäfts nicht mehr zu finanzieren.

          Doch die Pilotengewerkschaft, die vom kämpferisch auftretenden neuen VC-Sprecher Benjamin Sindram angeführt wird, nimmt die Realitäten nicht zur Kenntnis. Sie will den Ausbau von Eurowings und die Gründung einer neuen Tochtergesellschaft in Wien stoppen. Ihr Ziel, strategische Entscheidungen des Unternehmens mit Arbeitskämpfen zu kassieren, ist in der deutschen Industrielandschaft ziemlich einmalig. Nicht von ungefähr verweist Vorstandschef Spohr auf den Beschluss des Aufsichtsrats von Lufthansa, in dem neben anderen Vertretern der Mitarbeiter auch Vertreter von VC sitzen, in dem bereits im Herbst 2014 der Aufbau von Eurowings abgesegnet wurde. Allerdings trifft die (alte) Führung der Lufthansa eine Mitschuld: In der Chefetage des ehemaligen Staatskonzerns war es jahrzehntelang üblich, die Wünsche der Piloten stärker zu berücksichtigen als die der anderen Berufsgruppen unter den 120.000 Lufthanseaten.

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          Spohr ist entschlossen, mit dieser Tradition zu brechen. Er steht vor einer doppelten Herausforderung. Er muss die Sonderrolle der Piloten beenden und das Passagiergeschäft aus der Krise steuern. Er trifft dabei auf nicht minder entschlossene Gegenspieler, die sich am Erfolg ihrer Kollegen von Air France orientieren. Dort hatten ebenfalls die Piloten den Flugbetrieb lahmgelegt, um den Ausbau eines eigenen Billigfluganbieters zu verhindern. Den Konflikt löste die Regierung in Paris auf ihre Weise. Dort verordnete der staatliche Aktionär den Stopp der Expansion im Ausland. Zum Glück hat Berlin keine Lufthansa-Aktien mehr. Der Kranich könnte also noch allein in die Zukunft fliegen.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

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