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Airbus-Chef Tom Enders : „Deutschland droht die Isolation“

Tom Enders Bild: AFP

Der Airbus-Chef Tom Enders tritt in wenigen Tagen ab – mit kantigen Botschaften an die Bundesregierung und an Europa. Scharf kritisiert er vor allem die Rüstungspolitik.

          Wenn einer wie Tom Enders geht, dann geht er nicht leise. Der Airbus-Group-Vorstandsvorsitzende verlässt mit der Hauptversammlung am 10. April den europäischen Flugzeughersteller, den er 14 Jahre lang geleitet hat. Da ließ er es sich nicht nehmen, ein gutes Dutzend Journalisten zu einem Mittagessen in München zu versammeln, um Rückblick zu halten und nach vorne zu blicken. Unverblümt machte Enders dabei klar: Er geht voller Sorgen – nicht wegen Airbus, sondern wegen des Umfeldes.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Kurz vor seinem Abgang spricht Enders mit noch weniger diplomatischer Rücksichtnahme als sonst. Zum einen beunruhigt ihn die Unfähigkeit Deutschlands, verteidigungspolitisch in internationalen Zusammenhängen zu denken, zum anderen die europäische Nabelschau. Wenn das europäische Wettbewerbsrecht so wie heute in Zeiten der Airbus-Gründung ausgelegt worden wäre, dann wäre der Zusammenschluss nicht zustande gekommen, ist sich Enders sicher. „Es greift zu kurz, Europa so zu definieren, als sei es sein eigener Planet.“ Das war natürlich ein Seitenhieb auf die von der EU abgesagte Fusion von Siemens und Alstom. Mit diesem Denkmuster hätte man bei Airbus auch sagen müssen, Deutschland, Frankreich und Spanien brauchen jeweils ihre eigenen Flugzeugbauer – „eine absurde Vorstellung“.

          Noch schärfere Worte findet Enders für die Verteidigungs- und Rüstungsexportpolitik in Berlin, genauer die geringe Steigerung des deutschen Militärhaushaltes sowie die Ausfuhrblockade durch die Bundesregierung bei europäischen Gemeinschaftsprojekten. „Manches, was da passiert, macht mich schlicht fassungslos.“ Es könne nicht angehen, dass Deutschland „aus rein innenpolitischen Gründen“ europäische Vorhaben stoppe. Auch der jüngst erzielte „Kompromiss“ in der Bundesregierung zwischen SPD und CDU zu den Rüstungsausfuhren sei nicht befriedigend, sondern „eine Beleidigung für unsere Verbündeten“. Das deutsche Verhalten habe schon jetzt konkrete Folgen, auch bei Airbus: „Wir überlegen, wie wir manche Produkte ‚German free‘ machen können“, also so, dass sie keine deutschen Teile mehr erhalten, berichtete Enders – eine schlechte Nachricht für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Das Problem ist an sich nicht neu.

          „Für unternehmerische Entscheidungen verheerend“

          Schon im Herbst 2014 hatte Berlin beispielsweise die Ausfuhr französischer Militärhubschrauber nach Usbekistan blockiert. Der Ansatzpunkt waren Schleifringe aus Deutschland, also kleinste Teile. Heute, fünf Jahre später, habe die Notwendigkeit zur Europäisierung von Rüstungsprojekten aber einen neuen Grad erreicht, während die Verweigerungshaltung der Bundesregierung die alte geblieben sei. Enders befürchtet daher auch bündnispolitischen Schaden: „Ich bin ernsthaft besorgt, dass sich Deutschland isolieren wird.“ Frankreich und Großbritannien, die ohnehin schon in etlichen Rüstungsprojekten kooperieren, könnten künftig enger zusammenrücken.

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          Beim Brexit-Thema hat Enders indes mehr aus politischen als aus wirtschaftlichen Gründen Bedenken. Seine vor kurzem noch geäußerte Drohung, die Airbus-Flügelproduktion aus Großbritannien abzuziehen, klingt heute deutlich milder. Die britischen Werke produzierten kostengünstiger als jene in Deutschland und Frankreich. „Es kann sein, dass sie sehr wettbewerbsfähig sein werden“, wobei die Wechselkursentwicklung im Blick bleiben müsse. „Dagegen erschreckt mich, wie dysfunktional das politische System ist; das ist für unternehmerische Entscheidungen verheerend.“

          Wie gut, dass in dieser Lage Boeing in großen Schwierigkeiten steckt – könnte man meinen. Doch Enders will nicht auf den amerikanischen Rivalen eindreschen. Flugzeugabstürze wie die der Boeing 737 Max belasteten immer die ganze Branche, betont er und verweist auf die Robustheit des Konkurrenten aus Seattle. „Ich gehe davon aus, dass Boeing das Problem in Bälde in den Griff bekommt.“

          Wohnsitz am Tegernsee

          Was Airbus angeht, so grämt den scheidenden Vorstandsvorsitzenden, dass er die laufenden Korruptionsverfahren nicht abschließen konnte. Auch die jüngsten Medienberichte über Bestechung in Ägypten zwischen 2003 und 2008 gehören zu diesem Thema. Enders bekräftigt, dass er 2014 mit dem Finanzvorstand Harald Wilhelm „die Bremse reingehauen hat“ und sich von allen Geschäftspartnern im Ausland getrennt habe, die üblicherweise als Bestechungskanäle gesehen werden. Zudem habe Airbus damals umfangreiche interne Ermittlungen eingeleitet und sich schließlich vor britischen Behörden selbst angezeigt. So behielt der Konzern wenigstens das Heft des Handelns in der Hand, anstatt von den Staatsanwälten vor sich hergetrieben zu werden. Bereut er, nicht früher eingeschritten zu sein? Hätte es „etwas Sichtbares“ gegeben, so hätte er gehandelt, beteuert er.

          Ratschläge hält Enders für seinen Nachfolger nicht bereit. Der Franzose Guillaume Faury sei erwachsen genug, seinen eigenen Weg zu machen. „Er wird vieles anders und auch besser machen.“ Enders selbst will im Alter von 60 Jahren jetzt „die Arbeitsbelastung reduzieren“; ein operativer Job komme nicht mehr in Frage, schon gar nicht in der Luftfahrt. Etwas in einer neuen Branche dazuzulernen sei dagegen schon reizvoller. Bei der Linde AG sitzt Enders seit 2017 im Aufsichtsrat. Ansonsten will er von seinem Wohnsitz am Tegernsee aus „mehr Zeit für die Berge und für fliegerische Projekte haben“. Sprach es und marschierte in seinen roten Cowboystiefeln davon.

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