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Wolfgang Schäuble : Hassfigur

Wolfgang Schäuble am Freitag im Bundestag. Bild: dpa

Für die einen ist er ein Held, für die anderen eine Hassfigur: Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble wird als Antieuropäer geschmäht - dabei meint er es doch nur gut.

          6 Min.

          Er ist in diesen Tagen der meistgehasste Mann Europas. Als „Henker der Griechen“ beschrieb die französische Zeitung „Le Monde“ den deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble, nachdem er den „Grexit“ als „Rettung“ für Griechenland ins Spiel gebracht hat – und seither von dieser Idee auch nicht mehr abrücken will. Karikaturen zeigen Schäuble wahlweise als Sensenmann, der Europa tötet, oder als Terroristen des „Islamischen Staates“, der Griechenland enthauptet. „Der böse Schäuble“ war an diesem Sonntag auch das Thema des ARD-Presseclubs. Auf Twitter & Co. gilt das Vorgehen des deutschen Finanzministers als „Staatsstreich“.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Philosoph Jürgen Habermas schimpft, Wolfgang Schäuble spiele sich als „Zuchtmeister Europas“ auf. Die frühere Grünen-Politikerin Antje Vollmer verglich die Brüsseler Verhandlungsführung des deutschen Finanzministers mit dem sowjetischen Einmarsch in Prag 1968. Ihr Parteikollege Reinhard Bütikofer verstieg sich gar zu dem Satz: „Der herzlose, herrische und hässliche Deutsche hat wieder ein Gesicht, und das ist das von Schäuble.“

          Für die anderen ein Held

          Doch das ist nur die eine Sicht. Anderen gilt Wolfgang Schäuble als Held. Sein Auftreten gegenüber den Griechen verschaffte ihm in Deutschland zuletzt Beliebtheitswerte um die 70 Prozent. In einer aktuellen Umfrage bescheinigten ihm 62 Prozent, er habe gut verhandelt. Als Angela Merkel am Freitag im Bundestag den Einsatz ihres Ministers lobte, gab es von den Abgeordneten der Unionsfraktion viel Applaus – deutlich mehr als für die Rede der Kanzlerin selbst.

          Es sind merkwürdige Szenen, die sich in diesen Tagen abspielen. Galt Schäuble nicht immer als ein überzeugter Europäer – als der Letzte, der das Einigungswerk noch mit dem alten Kohlschen Pathos vorantreibt? Hatte er nicht schon 1994 für die gemeinsame Wirtschaftspolitik eines Kerneuropa plädiert? Und war er nicht zu Beginn der Euro-Krise derjenige gewesen, der das Problem anders als die Kanzlerin auf rein europäischer Ebene lösen wollte?

          Jetzt das: Im Sommer 2015 ist Schäuble auf einmal all jenen der Feind, die sich gern als „leidenschaftliche Europäer“ bezeichnen – und Applaus bekommt er von vielen, die nichts befremdlicher finden als den Wunsch nach „mehr Europa“. Es ist vermutlich eines der größten Missverständnisse der jüngeren deutschen Geschichte.

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          Warum? Hinter Schäubles harter Haltung in der griechischen Frage steht ein europäischer Plan. Wer in diesen Tagen mit Leuten spricht, die ihn gut kennen, und die Absichten des Ministers analysiert – der erkennt eine schlüssige, aber höchst riskante und für Kanzlerin Merkel auch gefährliche Strategie.

          Die Vollendung seines politischen Lebenswerks

          Um die Griechen geht es dabei nur vordergründig. Natürlich ist Schäuble von der Reformverweigerung der Athener Regierung genervt. Schon im vorigen Herbst registrierte er, dass die damalige Regierung ihren Verpflichtungen immer schleppender nachkam. Nach der Wahl ging ihm der Rummel um seinen griechischen Amtskollegen Giannis Varoufakis gegen den Strich. Im März bekannte er öffentlich, alles Vertrauen sei zerstört. Es war der Moment, in dem die Kanzlerin eingriff und den griechischen Ministerpräsidenten nach Berlin einlud.

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