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Wieder da? : Albrights Begriffsverwirrungen

  • -Aktualisiert am

Madeleine Albright am 26. Februar 2017 in Washington Bild: AP

Madeleine Albright ist alt genug, um sich an den „richtigen“ Faschismus erinnern zu können. Jetzt schreibt sie über dessen Wiederkehr.

          3 Min.

          Obwohl die Autorin, Außenministerin der Vereinigten Staaten unter Bill Clinton (1997–2001) und gelernte Politikwissenschaftlerin, selbst zugibt, „Faschismus“ komme einem Totschlagsbegriff gleich, hält sie an dem Terminus fest. Eine Bewegung sei wegen ihrer antidemokratischen Mittel faschistisch, nicht wegen ihrer Ziele. Das ist kritikwürdig, denn es gibt antidemokratische Ideologien, wie sie doch hinreichend belegt. Unter den Begriff des Faschismus fällt bei ihr nicht nur das politische System Mussolinis und Hitlers, sondern auch das Stalins. Hätte sie vom Aufkommen autokratischer Herrschaft gesprochen, wäre dies überzeugender gewesen. Denn das Thema, das sie bewegt, vor Diktaturen und diktaturanfälligen Erscheinungen zu warnen, bewegt nicht nur sie.

          Die Verfasserin analysiert in den ersten Kapiteln ausführlich die Politik Mussolinis und Hitlers, nicht den Bolschewismus Lenins. Neues erfährt der Leser kaum. Die Effizienz dieser Systeme ließ zu wünschen übrig, die Erfolge der NSDAP beruhten aber nicht, wie sie meint, auf einem hohen Frauenanteil. Der Leser fragt nach dem Grund für die historischen Exkurse. Vielleicht will die ehemalige Politikerin zeigen, dass die Familie mit ihr zweimal flüchten musste – 1939 von Prag nach London vor den Nationalsozialisten, 1949 von Belgrad (ihr Vater war dort tschechoslowakischer Botschafter) in die Vereinigten Staaten vor den Kommunisten. Solche biographischen Details fließen zuweilen in den Text ein.

          Albright hebt die Gemeinsamkeiten zwischen Hitler und Stalin hervor, etwa die Akzeptanz von Gewalt. Beide Systeme wollten einen „neuen Menschen“ schaffen. Solche Analogien erlauben ihr, von „Faschismus sowjetischen Stils“ zu sprechen. Personen, die sie ablehnt, erfahren eine höchst unvorteilhafte Charakterisierung. Konrad Henlein, ein nationalsozialistischer Politiker aus dem Sudetenland, firmiert als „ein durchtriebener, fettleibiger und kurzsichtiger ehemaliger Turnlehrer“ – oder: „Joe McCarthy hatte eine Brust wie ein Fass, Hängebacken, blaue Augen mit struppigen Brauen, ein Übermaß an rastloser Energie und Erfahrung als Geflügelfarmer.“

          Der zweite – bessere – Teil widmet sich Gefahren der Gegenwart. In vielen Ländern herrsche heute ein Klima, das an die Zeit des heraufziehenden Faschismus erinnere. „Jeder Tag bringt uns neue Nachrichten davon, wie der Faschismus sich rund um den Globus zu regen beginnt: die Diskreditierung von Politikern der Mitte, der Aufstieg neuer Staatslenker, die mehr auf Spaltung als auf Einigung setzen, der Wille zum politischen Sieg um jeden Preis und die Beschwörung nationaler Größe durch Personen, die eine völlig verzerrte Vorstellung davon haben, was Größe bedeutet.“ Albright untermauert dies anhand einer Reihe von Ländern, wobei sie nicht vergisst, ihre spezifischen Erfahrungen zu erwähnen. Das gibt dem Text Authentizität.

          Die gesellschaftlichen Missstände im Venezuela Hugo Chávez’ und Nicolás Maduros kommen zur Sprache. Noch härter ins Gericht geht Albright mit Recep Tayyip Erdogan, der das Verbot von Wahlkampfauftritten seiner Kabinettsmitglieder in anderen Ländern als „Faschismus“ bezeichnet hat. Und an Wladimir Putin („klein und blass und so kalt, dass er an eine Echse erinnert“) lässt sie kaum ein gutes Haar. Einen parteilosen Demagogen wie ihn könnten Politiker anderer Länder zum Vorbild nehmen. Nicht viel besser fällt ihr Urteil über Viktor Orbán aus. Der ungarische Ministerpräsident mit seiner strikten Position in der Flüchtlingsfrage beschneide Rechte des Parlaments, der Medien und der Gewerkschaften. Als eine „säkulare Variante des IS“ gilt der „nordkoreanische Faschismus“ mit nunmehr Kim Jong-un an der Spitze. Schließlich, vielleicht ihr eigentliches Anliegen, attackiert das Mitglied der Demokratischen Partei Donald Trump, dem es allerdings die Denuklearisierung Nordkoreas zutraut: wegen seiner provozierenden Rhetorik, seiner Unberechenbarkeit, seines protektionistischen Nationalismus. Sie hat in vielem recht, doch der Terminus „der erste antidemokratische Präsident“ ist starker Tobak.

          Das China Xi Jinpings taucht nur beiläufig auf und keineswegs bloß negativ. Wenig überzeugend sind die eingestreuten, alarmistischen Parallelen zum Nationalsozialismus und zum italienischen Faschismus. So überzeugend für sich die Kritik an den Verhältnissen in den erwähnten Ländern auch ist, so fallen die Parallelen zur Vergangenheit vordergründig aus. Gerade eine derart um den Bestand der Demokratie besorgte Politikerin und Politologin sollte vorsichtiger argumentieren. Sätzen wie diesen mangelt es an Urteilskraft: Die Staatschefs registrieren genau, „womit sie ungestraft davonkommen und wie sie ihre Macht erhalten und ausbauen. Sie folgen einander in den Fußstapfen, so wie Hitler Mussolini gefolgt ist. Und heute bewegt sich die Herde in eine faschistische Richtung.“ Albright hält nichts davon, für die kritisierten Phänomene, den (von ihr geschätzten) Begriff des „Populismus“ zu verwenden. Er sei unpräzise, inhaltsleer und missbraucht worden, aber gilt das nicht erst recht für „Faschismus“?

          Die Danksagung des leichtfüßig geschriebenen, weniger für den Wissenschaftler, mehr für den politisch interessierten Zeitgenossen bestimmten Buches umfasst sage und schreibe 85 Namen, doch fehlt der ihres langjährigen Redenschreibers Bill Woodward, welcher als Ko-Autor firmiert und auch an ihrer Autobiographie mitgearbeitet hat. Was noch mehr verwundert: Das deutsche Lektorat ließ die Aussage stehen, die AfD schneide am besten in den wohlhabendsten Regionen Deutschlands ab.

          Madeleine Albright mit Bill Woodward: Faschismus. Eine Warnung.

          DuMont Buchverlag, Köln 2018. 319 S., 24,- .

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