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Reformationstag : „Gott bleibt bei Luther immer auch ein Rätsel“

  • Aktualisiert am

„Der Katholizismus macht es - ich will nicht sagen: falsch - aber eben anders“: Denkmal für Luther in Wittenberg Bild: dpa

Ein Gespräch mit dem evangelischen Theologen Ulrich Barth über die Bedeutung des Reformationstags, Martin Luther, gelebten Protestantismus und die Zukunft der Kirche.

          5 Min.

          Herr Barth, was sind denn Ihrer Meinung nach Luthers religiöse Grundgedanken? Rechtfertigung allein aus Gnaden, nicht aus Werken?

          Das wäre ein restauratives Festhalten an alten Formeln. Diese ganze Fokussierung auf die Rechtfertigungslehre halte ich für verfehlt. Dass Luther seine Erlösungslehre in die Gestalt der Rechtfertigungslehre gegossen hat, gehört zu seiner Gebundenheit an die spätmittelalterliche Bußtheologie. Dieser Zusammenhang besteht für uns aber nicht mehr, denn der Horizont eines göttlichen Gerichts ist weitgehend entschwunden. Das Religiöse baut sich heute auf ganz andere Weise auf. Um 1900 gab es Versuche, die Rechtfertigungslehre für die Moderne zu erschließen: Jeder Mensch ist auf Anerkennung angewiesen, und die Rechtfertigung durch Gott ist der Grundakt dieser Anerkennung. Für meine Begriffe hat dies nicht die Überzeugungskraft, die man sich davon versprach. Wir suchen unsere Anerkennung unter unseresgleichen. Das ist eine intersubjektive, soziale Kategorie. Die Suche nach Anerkennung durch Gott ist kein Gedanke, der sich von selbst nahelegt. Auch ist die Geschichte des Protestantismus weit mehr als nur die Fortschreibung von Luthers Rechtfertigungslehre.

          Wenn nicht mit der Rechtfertigung, wie würden Sie die religiösen Kerngedanken Luthers dann beschreiben?

          Setzen wir beim Gottesgedanken ein. Luther nimmt hier eine innere Vertiefung vor. Gott kann nur als das Zugleich von Grund und Abgrund begriffen werden, hat Paul Tillich einmal gesagt. Das fasst die lutherische Gotteskonzeption sehr genau. Luther begreift Gott in einer doppelten Weise: als den sich offenbarenden Gott - den „deus revelatus“ - und als den verborgenen Gott - den „deus absconditus“. Luther hat seine Theologie so konzeptioniert, dass hinter dem in Gesetz und Evangelium offenbaren Gott immer die Instanz mitbedacht wird, die sich offenbart. Gott geht bei Luther nicht in seiner Offenbarung auf. Die religiöse Bedeutung dieser Unterscheidung sehe ich darin, dass Luther mit dem „deus absconditus“ sicherstellen will, dass jede menschliche Gottesvorstellung, auch die des Offenbarungsglaubens, einen blinden Fleck besitzt. Gott bleibt inmitten seiner Zuwendung immer auch ein Rätsel. Dies schützt die christliche Theologie vor allen Überheblichkeiten. Und für uns heißt es: Wir stehen in unserem Leben vor Krisen und Abgründen, die nicht an die Vorstellung vom lieben Gott zurückgebunden werden können.

          Der evangelische Theologe Ulrich Barth

          Sehen Sie überhaupt eine Relevanz des Gottesgedankens in der Moderne?

          Ich denke schon. Die Gottesvorstellung gehört zur Welt der Religion und nährt sich aus Mythen und Symbolen. Der Gottesgedanke hingegen erwächst aus einem inneren Motiv der Vernunft. Wenn Vernunft ein Fragen nach Gründen ist, dann treibt sie unweigerlich auf die Frage nach einem letzten Grund zu. Das ist der Vernunft als Vernunft eigentümlich - auch in ihrer modernen Fassung seit Kant. Das Problem scheint mir gegenwärtig nicht in der Plausibilität oder Nichtplausibilität des Gottesgedankens zu liegen. Die Frage ist vielmehr: Beziehen wir den Gottesgedanken als bestimmende Kraft auf das eigene Leben? Und da halte ich Luther für sehr aktuell.

          Noch einmal nachgefragt: Ist Gott eine Größe, mit der sich die Moderne beschäftigt?

          Sehen Sie sich den öffentlichen Umgang mit großen Katastrophen an. In der Regel gibt es einige Tage später einen ökumenischen Gottesdienst oder Vergleichbares. Religion scheint immer noch die geeignetste Form des rituellen Umgangs mit dem Unsagbaren zu sein. Um das auf individueller Ebene zum Ausdruck zu bringen, darf man den Gottesbegriff nicht auf seine kirchlich-dogmatische Fassung verkürzen. Der personalistische Monotheismus ist zweifelsohne ein kulturell hochwertiges Produkt. Aber die Aufklärung hat zu Recht dessen Ungereimtheiten diagnostiziert und das Göttliche wieder in einem weiteren Sinne zu fassen gesucht: Als Reich des Guten, als Universum, als Vorsehung oder Schicksal - und heute sprechen wir vor allem von „Sinn“. Das emphatische Reden von „Sinn“ ist doch nichts anderes als ein Äquivalent für die diffuse - und wie ich finde: zu Recht diffuse - Fassung des Göttlichen. Die Idee eines extramundanen Schöpfergottes ist doch nur eine von vielen Symbolisierungen.

          Von der Martin Luther aber ein ziemlich entschiedener Anhänger war ...

          Luther stand in einer vollkommen anderen Epoche. Die Gottesvorstellung war damals eingebettet in eine ganz selbstverständliche Christlichkeit. Das ist heute natürlich ganz anders. Ich denke aber doch, dass das Religiöse nach wie vor Relevanz für die Selbstdeutung des Menschen hat - auch wenn es oft nicht zugegeben wird.

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