Reformationstag : „Gott bleibt bei Luther immer auch ein Rätsel“

Ein Gespräch mit dem evangelischen Theologen Ulrich Barth über die Bedeutung des Reformationstags, Martin Luther, gelebten Protestantismus und die Zukunft der Kirche.
Das wäre ein restauratives Festhalten an alten Formeln. Diese ganze Fokussierung auf die Rechtfertigungslehre halte ich für verfehlt. Dass Luther seine Erlösungslehre in die Gestalt der Rechtfertigungslehre gegossen hat, gehört zu seiner Gebundenheit an die spätmittelalterliche Bußtheologie. Dieser Zusammenhang besteht für uns aber nicht mehr, denn der Horizont eines göttlichen Gerichts ist weitgehend entschwunden. Das Religiöse baut sich heute auf ganz andere Weise auf. Um 1900 gab es Versuche, die Rechtfertigungslehre für die Moderne zu erschließen: Jeder Mensch ist auf Anerkennung angewiesen, und die Rechtfertigung durch Gott ist der Grundakt dieser Anerkennung. Für meine Begriffe hat dies nicht die Überzeugungskraft, die man sich davon versprach. Wir suchen unsere Anerkennung unter unseresgleichen. Das ist eine intersubjektive, soziale Kategorie. Die Suche nach Anerkennung durch Gott ist kein Gedanke, der sich von selbst nahelegt. Auch ist die Geschichte des Protestantismus weit mehr als nur die Fortschreibung von Luthers Rechtfertigungslehre.





