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Kiels Oberbürgermeisterin : Gaschke: Ich werde dieses Spiel nicht spielen

Kiels Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke (SPD) Bild: dpa

In Kiel fliegen mal wieder die Fetzen. Die sozialdemokratische Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke liegt mit dem Ministerpräsidenten, dem Innenminister und dem Parteivorsitzenden im Streit. Ach was: im Krieg.

          8 Min.

          Kiels Oberbürgermeisterin heulte. Weil die CDU bezweifelt hatte, dass Susanne Gaschke fähig sei, „die Angelegenheiten der Stadt verantwortlich zu regeln“. Als sie diesen Satz gelesen habe, sagte die Sozialdemokratin schluchzend in der Kieler Ratsversammlung am 22. August, da habe sie sich gefragt, „ob ich das aushalten kann“. Sie fühle sich niedergemacht. „Ich will dieses Spiel nicht spielen, und ich werde dieses Spiel nicht spielen.“ Ein Spiel, das Menschen und am Ende die ganze Demokratie zerstöre. Gaschke sagte, sie sei furchtbar enttäuscht. Habe sie doch versucht, „einen neuen, offenen und fairen politischen Stil zu pflegen“. Und dann das. Dass nach ihrer Qualifikation gefragt wurde.

          Philip Eppelsheim

          Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche.

          Anlass war eine Eilentscheidung, die sie zwei Monate zuvor unterschrieben hatte, am Freitag vor der Kieler Woche und vor den Sommerferien. Gaschke, ihr Kämmerer und zwei Referenten hatten eine lange Liste abzuarbeiten, und dafür angeblich nur anderthalb Stunden Zeit. Ein Punkt auf der Liste war die Eilentscheidung. Sie betraf den Augenarzt Detlef Uthoff, stadtbekannt, mit einer laut Internetauftritt „Klinik wie ein 5-Sterne-Hotel“ in einer prächtigen Gründerzeitvilla. Uthoff hatte sich, so heißt es in der Eilentscheidung, in den Achtzigern und Neunzigern „ein umfangreiches Immobilienvermögen“ aufgebaut, das er durch Kredite finanzierte. Und er war mit seinen Immobilien baden gegangen. Der Stadt Kiel schuldete er mehr als vier Millionen Euro Gewerbesteuer, dazu kamen mehr als 3,6 Millionen Euro Nachzahlungs- und Aussetzungszinsen. Seine Akte hat 530 Seiten. Gaschke entschied: Uthoff sollte die Gewerbesteuer in monatlichen Raten von 80.000 Euro zahlen, die Zinsen wurden ihm erlassen. Ihr kam der Deal gut vor. Die Sache war abgehakt, und vier Millionen waren besser als nichts.

          Mit diesem Gefühl startete Gaschke in die Kieler Woche, wo an manchem Bierstand schon über ihre Entscheidung getratscht wurde. Das bekam sie nicht mit. Kieler Woche bedeutete für sie vor allem eine Sause mit Verpflichtungen. Anschließend verbrachte Gaschke mit ihrem Mann zwei Wochen in Kroatien. Baden, lesen, Kraft tanken. Sie hatte Spaß an der Arbeit, aber das vergangene Jahr war auch anstrengend gewesen.

          Sie kann nicht einstecken

          Bevor sie Oberbürgermeisterin wurde, war sie Journalistin bei der „Zeit“ gewesen. Sie gehörte zur politischen Redaktion. Zuletzt leitete sie die „Kinder-Zeit“. Als der Kieler Oberbürgermeister Torsten Albig im Sommer 2012 Ministerpräsident von Schleswig-Holstein wurde, sah Gaschke ihre Chance. SPD-Mitglied war sie seit Jugendtagen, und in der Kieler Politik hatte sie immer wieder mitgemischt. Aber sie war nicht die Wunschkandidatin von Albig und schon gar nicht des Parteivorsitzenden Stegner, dem sie mehrfach in die Quere gekommen war; nun unterstützten Albig und Stegner beide eine andere. Gaschke setzte sich als Kandidatin durch, äußerst knapp. Und gewann in der Stichwahl das Oberbürgermeisteramt.

          Sie und ihr Ehemann Hans Peter Bartels waren in der SPD-Hochburg Kiel nun so etwas wie das politische Königspaar: Bartels vertritt den Kieler Wahlkreis seit 1998 im Bundestag und hat ihn bisher stets direkt gewonnen. In Berlin hat er sich als umsichtiger Politiker mit viel Praxis Autorität erworben. Seine Frau hat diese Praxis nicht. Und so hieß es nach ihrem Wahlsieg schon in der lokalen Presse, Gaschke könne keine Verwaltung mit 4500 Mitarbeitern führen.

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