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FAZ.NET-Countdown : Luther sei Dank

Luther-Denkmal in der Stadt Eisleben: Was wäre die Reformation ohne den Buchdruck? Bild: dpa

Ausgerechnet zum 500. Jahrestag des Thesenanschlags von Wittenberg liegt keine Zeitung im Briefkasten. Was wäre Martin Luther, was wäre die Reformation ohne „Print“ gewesen!? Wie auch immer: Eine feste Burg ist unser FAZ.NET-Countdown.

          Dieser Dienstag gehört zweifellos Martin Luther. Der Reformationstag ist ausnahmsweise, 500 Jahre nach dem Thesenanschlag in Wittenberg, ein Feiertag in ganz Deutschland. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet an diesem Tag erscheinen keine Zeitungen, wo doch die Reformation ohne deren Vorläufer, ohne die Flugblätter, Streitschriften und Pamphlete, gar nicht denkbar gewesen wäre. Keine Reformation ohne „Print“! Geht es heute aber auch ohne Druck, ohne Zeitung?

          Luther hätte seine Freude am Internet, auch wenn seine Thesen, gäbe es nur dieses Internet, wahrscheinlich in irgendeiner Echokammer verhallt und versandet wären. Eine ähnlich sprunghaft expandierende Öffentlichkeit gab es erst wieder zweihundert Jahre nach der Reformation in Zeiten der Aufklärung und vor der Französischen Revolution. Das führt zu der Frage (die wir hier leider nicht klären können): Ist die Tsunami-Öffentlichkeit des Internets Vorbote einer ähnlich epochalen Reformation, Rebellion oder Revolution?

          Schaut man nach Amerika, ist das gar nicht so weit hergeholt. Die Clique um den Präsidenten könnte als Revolutionsgarde durchgehen, die dem Internet entstiegen ist. Ein enger Gefährte Donald Trumps aus Wahlkampfzeiten muss sich jetzt für seine Kontakte zu Russland verantworten. Sonderermittler Robert Mueller hat Anklage gegen drei Männer erhoben, unter anderem gegen Trumps ehemaligen Wahlkampfmanager Paul Manafort.

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          Im Fall Manafort geht es immerhin um Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten von Amerika. Vorerst stehen dabei Anklagepunkte im Vordergrund, die sich auf die Zeit vor dem Wahlkampf beziehen. Im Hintergrund aber lauert  die „Russland-Affäre“, also die massive Manipulation des amerikanischen Wahlkampfs aus Moskau, die wohl die ganze Präsidentschaft Trumps verfolgen wird.

          Eine andere bizarre Geschichte, die katalonische, nimmt indessen groteske Züge an. Der katalanische Regierungschef, Carles Puigdemont, trat am Montag, unmittelbar nachdem gegen ihn Anklage erhoben wurde, eine Reise nach Brüssel an. Man könnte auch sagen: Er ergriff die Flucht, weil die Luft in Barcelona zu dick geworden war. Da es zuvor geheißen hatte, Belgien könne dem Separatisten unter Umständen Asyl anbieten (mit welcher Begründung eigentlich?), könnte der Politiker, der sich und Katalonien in eine Sackgasse manövriert hat, vielleicht testen wollen, was da dran ist. Die spanische Regierung geht indessen unbeirrt den Weg weiter, den sie vergangene Woche eingeschlagen hatte: Separatismus wird bestraft.

          Vor Langeoog liegt unterdessen immer noch die gestrandete „Glory Amsterdam“ auf sandigem Grund. Versuche, den riesigen Frachter wieder flottzukriegen, nachdem er während der Sturmflut von Samstag auf Sonntag auf die ostfriesische Insel zugetrieben worden war, waren am Montag gescheitert. Das Wasser war zu flach. Im schlimmsten Fall könnten 1800 Tonnen Schweröl und 140 Tonnen Marinediesel die Strände der Badeinseln und die Vogelrastgebiete verseuchen, schreibt Sebastian Eder auf FAZ.NET. Aber wir wollen den Teufel nicht an die Wand malen.

          Apropos Teufel - was sonst noch wichtig ist: Halloween natürlich, die Kürbis-Horror-Show, die wieder einmal dem Reformationstag und Allerheiligen die Show stehlen wird, trotz allem Luther-Festival. Wer sich davon nicht anstecken will, kann sich vor seinem Fernseher ganz dem ausgehenden Mittelalter hingeben. Wer den Luther-Film im ZDF am Montagabend („Zwischen Himmel und Hölle“) verpasst hat, kann bei Oliver Jungen nachlesen, ob er wirklich etwas verpasst hat. Oder er wartet bis Dienstagabend, dann ist es wieder das ZDF, das mit einem Luther-Programm bis tief in die Nacht aufwartet. Oder er flüchtet sich nach 3sat, wo irgendein ökumenischer Scherzkeks den „Namen der Rose“ angesetzt hat. Am Mittwoch gibt es dann wieder eine jener handlichen Druckschriften, die seit 500 Jahren unübertroffen sind. Luther sei Dank.

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          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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