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Diskussion über Fake News : „Falschbehauptungen bleiben hängen“

Von links nach rechts : Martin Benninghoff (F.A.Z.), Stefan Voß, Leiter des Faktencheck-Teams der dpa, Dunya Hayali, Moderatorin und Journalistin, Tania Röttger, Leiterin Correctiv, Patrick Schlereth (F.A.Z.) Bild: Daniel Pilar

Auf dem ersten F.A.Z.-Kongress diskutieren Journalisten über den Umgang mit Fake News und über die Frage: Ist Objektivität überhaupt möglich?

          3 Min.

          Die meisten Leser erreicht die F.A.Z. online. Jeden Tag informieren sich auf FAZ.NET rund zwei Millionen Leser über die neuesten Nachrichten – die wahren Nachrichten. Denn seit ein paar Jahren gibt es nicht mehr nur die einen Nachrichten, es gibt auch den Begriff der Fake News. Dass schon diese Bezeichnung ein eigentlich „unzulässiger Euphemismus“ ist, machte Martin Benninghoff, Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET, gleich zu Beginn des zweiten Onlinepanels auf dem F.A.Z.-Kongress am Donnerstag deutlich. Denn Nachrichten seien es schließlich nicht, was uns in den Sozialen Medien, abseits der etablierten Zeitungen und Rundfunkhäuser, begegnet.

          Während des Panels „Fake News: Was ist die Wahrheit?“ diskutierten Benninghoff, sein Kollege Patrick Schlereth, die Moderatorin und Journalistin Dunja Hayali, die Leiterin des Faktencheck-Teams bei Correctiv, Tania Röttger, und der Leiter eines eben solchen Teams bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa), Stefan Voß.

          Die Moderatorin Hayali betonte immer wieder, wie wichtig der Dialog mit den Menschen „draußen“ sei und dass zu einer umfassenden Berichterstattung auch gehöre, als Journalist oder Journalistin mit Leuten zu sprechen, die den Boden des Grundgesetzes verlassen hätten. „Da muss man sehr viel atmen“, sagte Hayali mit Blick auf ein Gespräch mit Holocaustleugnern.

          „40 Minuten sind eine Ewigkeit“

          Im Zentrum der Diskussion stand der Umgang des Journalismus‘ mit Zuschauern und Lesern, die an dem Wahrheitsgehalt und an der Unabhängigkeit der Medien zweifeln. Stefan Voß, seit 20 Jahren bei der Deutschen Presse-Agentur, erzählte, wie wichtig es mittlerweile sei, immer wieder zu erklären, dass die dpa den Zeitungen selbst und nicht etwa dem Staat gehöre, dass die Agentur unabhängig sei und sich weder von Facebook, noch von anderen Organisationen beeinflussen lasse.

          Die größte Veränderung, mit der die Nachrichtenagenturen, insbesondere die dpa als größte deutsche Agentur, umgehen müssen: „Wir sind nicht mehr die Ersten, die etwas haben“, wie Voß es formulierte. Soziale Medien verbreiten Neuigkeiten längst schneller, doch die Agenturen benötigen Zeit, um diese Neuigkeiten auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen zu können. „Bei Karl Lagerfelds Tod haben wir 40 Minuten gebraucht, um das zu checken. Das ist im Nachrichtengeschäft eine Ewigkeit“, sagte Voß.

          Hayali wandte sich an Zuschauer und Leser mit der eindringlichen Bitte, den Journalisten mehr Zeit einzuräumen, um verifizieren und ordnen zu können. „Ich glaube, wir können das Geschwindigkeitsrad nicht mehr zurückdrehen.“ Auf eine der Leitfragen des Panels: „Gibt es überhaupt Objektivität im Journalismus?“ hatte Hayali eine deutliche Antwort: „Es gibt keinen Journalisten der zu 100 Prozent objektiv sein kann.“ Aber dennoch müsse jeder Journalist immer wieder aufs Neue versuchen, aus der eigenen Subjektivität herauszutreten.

          Eine Chance in der Krise?

          Voß erwähnte als Beispiel das „Vogelschiß“-Zitat Alexander Gaulands. Die dpa habe es in seinen Kontext eingebettet, denn Gauland habe nicht nur diesen verharmlosenden Satz gesagt, er habe anschließend auch die Verantwortung Deutschlands mit Blick auf den Nationalsozialismus betont. Ein solcher Kontext sei wichtig für eine ausgewogene Nachricht.

          Die fünf Journalisten sprachen auch über die Berichterstattung des Jahres 2015, welche die Otto-Brenner-Stiftung in einer späteren Studie scharf kritisiert hatte. Medien hätten nicht ausreichend über die Schattenseiten der Einwanderungswelle berichtet. Hayali räumte ein, die Journalisten seien zunächst sehr beeindruckt von der Hilfsbereitschaft der Menschen gewesen, diese Konzentration auf das Positive hätte sich aber später gedreht.

          Zahlreiche Zuschauer folgten den Veranstaltungen auf dem F.A.Z.-Kongress

          „Ich sehe in der Krise, in der wir Journalisten stecken, eine Chance“, sagte die Moderatorin. Als Antwort auf die Kritik an den Medien würden Reporter wieder vermehrt zu den Leuten fahren, sie seien nun näher am Geschehen dran. Transparenz, das betonten die Panelteilnehmer immer wieder, ist wichtiger denn je für den Journalismus.

          Auf die Frage aus dem überfüllten Saal, woher der Glaube an Fake News selbst bei gebildeten und mitten in der Gesellschaft lebenden Menschen komme, erklärte Röttger, die es im Faktencheck-Team von Correctiv täglich mit verbreiteten Falschmeldungen zu tun hat: „Manche Leute wollen das Gefühl haben, dass sie etwas verstehen, was die anderen nicht verstehen.“

          So kämen sie auf Geschichten über Reptilienwesen und von Außerirdischen errichteten Pyramiden. Voß stellte fest: „Falschbehauptungen bleiben hängen, das ist erwiesen.“ Deswegen sei es umso wichtiger, dazu beizutragen, dass ihre Verbreitung eingeschränkt wird. 

          Gute Laune gab es auch – trotz des ernsten Themas.

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