https://www.faz.net/-gpf-80ymq

Rechte, Linke, Pegida : Woher kommt der Hass?

Verachtung für das ganze „System“: Immer öfter manifestiert sich in Deutschland blanker Hass. Bild: Picture-Alliance

Könnte Deutschland in den Spiegel schauen – es würde sich manchmal kaum wiedererkennen. Neonazis treiben ihr Unwesen, Politikern, Verwaltung und Journalisten schlägt eine Verachtung entgegen, die nicht rational erklärbar ist.

          Woher kommen dieser Hass, die Verachtung, die Verrohung? Es vergeht kaum eine Woche, in der sich die deutsche Gesellschaft nicht im Spiegel betrachten müsste – sie könnte sich kaum wiedererkennen. Dann haben Polizisten Warnschüsse abgegeben, weil sie sonst von Hooligans totgeschlagen worden wären (und kaum einer hat es registriert); dann wurden Menschen wieder einmal von einem gut organisierten Nazi-Mob bedroht (und bald ist es schon wieder vergessen); dann hat ein Bürgermeister resigniert, weil weder Polizei noch Verwaltung auf den Gedanken kamen, ihn vor rechtsradikalen Anfeindungen und alltäglichem Rassismus zu schützen (und alle gehen bald zur Tagesordnung über).

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Kaum ist die eine Woche vorbei, da beginnt die nächste auch schon – zum wievielten Mal? –- mit einer Versammlung in Dresden, auf der Politik, Parteien, Verwaltung und auch den Bürgermeistern eine Verachtung entgegenschlägt, die ihresgleichen sucht. Aber auch daran haben wir uns gewöhnt.

          Resignation nicht nur in Tröglitz

          Das alles habe es in der einen oder anderen Form schon immer gegeben, wird es heißen. Die Bundesrepublik hat schließlich schon ganz andere Wutausbrüche und Gewaltexzesse erlebt. Aber es fühlt sich doch so an, als laufe etwas grundverkehrt. Wie ein schleichendes Gift sickern eine Feindseligkeit, ein Bürgerkrieg der Worte und manchmal auch schon der Taten in unser Leben, die sich gegen alles richten, was unseren Staat und unsere Gesellschaft ausmacht.

          Die Resignation des Bürgermeisters Markus Nierth in Tröglitz lässt sich schließlich nicht nur als Resignation vor Gewalt und Ignoranz beim Thema Asyl und Einwanderung deuten. Es ist ein Protest, stellvertretend für alle Bürgermeister, ja für alle Politiker, die sich in ihrem Amt, ihrem Mandat alleingelassen fühlen, von der Verwaltung auf der einen Seite und auf der anderen von Bürgern, die sich engagieren, aber mindestens ebenso gut sind im passiven Meckern, im Besserwissen und im aktiven Verhindern. Die Bereitschaft, in Deutschland ein Amt wie das eines Bürgermeisters zu übernehmen, hat deshalb stark abgenommen; zumal, wenn es sich um ein hervorgehobenes Ehrenamt handelt, das allzu oft ein Amt ist, das dessen Träger dumm dastehen lässt.

          Aus „Wutbürgern“ werden Systemverächter

          Die Kluft zwischen den Repräsentanten des Staates und großen Teilen der Gesellschaft, die sich auf diese Weise immer weiter auftut, wurde in den vergangenen Jahren als das Reich der „Wutbürger“ beschrieben. Das war gut beobachtet, aber die Wutbürger standen noch ganz in der Tradition des „zivilen Ungehorsams“, auf den sich schon die Protestbewegungen gegen Atomkraft, Rüstung und andere Apokalypsen beriefen.

          Neu ist jetzt, dass die Wut vagabundiert, dass sie sich nicht nur einen Bahnhof, eine Stromtrasse, ein Freihandelsabkommen oder ein Flüchtlingsheim sucht, sondern an die Wurzeln geht und das ganze „System“ gleich mit verachtet und auch beseitigen will. Selbst Schlägertrupps, die sich schon lange in unpolitischen Umgebungen wie Fußballstadien zusammenrotten, springen darauf an, sehen sich als Vorhut und stürzen sich in Gefechte mit Salafisten oder „nur“ mit Polizisten.

          Neu ist auch die Quelle. Schon „Stuttgart 21“ wuchs als Facebook-Aktion zu erstaunlicher Größe. Pegida, Blockupy oder die Anti-TTIP-Propaganda entstanden überhaupt erst als Produkt der Facebookisierung des Abendlands. Stieß die Verrohung früher noch an die Grenzen des Geheges sozialer Kontrolle, begünstigen heute die sozialen Medien und der digitale Herdentrieb den Bruch durch die dünne Decke der Zivilisation. Der Hass und die Rituale der Verunglimpfung, die sich im Netz ausbreiten wie eine Seuche, traten in Form von Pegida und deren Ablegern zum ersten Mal als „bürgerliches“ Massenphänomen aus der virtuellen Realität zurück in die Wirklichkeit. Das ist eine neue Form des Extremismus, der einerseits ganz harmlos durch die Innenstädte „spazieren geht“, andererseits aber im Namen von deutscher Ruhe und deutscher Ordnung die Axt anlegt an eine immer kompliziertere Welt.

          Täglich ein „Servus“ für die Demokratie

          Für diesen wie für alle anderen Extremismen, auch den religiösen, gilt die alte Erkenntnis, dass sie erst zur Zerrüttung der Verhältnisse beitragen und dann so tun, als hätten sie das beste Mittel zum Löschen. Dabei gießen sie nur wieder Öl ins Feuer und schicken Jugendliche in den Krieg. Das ist auf der Linken nicht anders als auf der Rechten, bei Blockupy so ausgeprägt wie in den „Kameradschaften“ von Dortmund bis nach Thüringen. Obwohl der Wohlstand noch nie so groß war, sind die Zeiten günstig für irrationales Treiben: Die Angst geht wieder um in Deutschland: vor dem Euro, vor dem Krieg, vor der Technik, vor der großen weiten Welt, vor der Zukunft; noch mehr aber, noch eingefleischter, noch irrationaler, vor der Politik.

          Ihr wird alles unterstellt, was nur möglich ist. Dabei merken die Verächter, die Meckerer, die Besserwisser, die Verhinderer nicht, dass jedes Mal, wenn sie wieder einmal die größte aller Verschwörungen aufgedeckt haben, wieder einmal eine „korrupte Politikerkaste“ verprügeln oder gegen eine „gleichgeschaltete Lügenpresse“ mit all ihrem Hass hetzen, sie der Demokratie damit leise servus sagen. Die hat etwas Besseres verdient.

          Weitere Themen

          Kurz versichert Stabilität – aber bleibt er Kanzler? Video-Seite öffnen

          Regierungskrise in Österreich : Kurz versichert Stabilität – aber bleibt er Kanzler?

          Alle Minister der FPÖ waren im Zuge der Ibiza-Video-Affäre aus der Koalition mit Kurz' ÖVP ausgetreten; die für sie nachgerückten Experten wurden nun von Präsident Alexander Van der Bellen in ihre Ämter eingeführt. Dennoch versichert Kurz, dass die Regierungsstabilität keinesfalls gefährdet sei.

          Kurz regiert mit Interimskabinett weiter Video-Seite öffnen

          Neue Minister wurden vereidigt : Kurz regiert mit Interimskabinett weiter

          Im Zuge des Video-Skandals um den FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache und des Austretens der rechtspopulistischen Partei aus der Regierung, vereidigte Van der Bellen die neuen Minister für das Innen-, Außen-, Verteidigungs-, Verkehrs- und Sozialressort.

          Topmeldungen

          Weiterer Rückschlag : Ministerin aus Mays Kabinett tritt zurück

          Die britische Ministerin für Parlamentsfragen, Andrea Leadsom, ist zurückgetreten. Leadsom begründete ihren Rücktritt mit den Plänen von Premierministerin May, über ein zweites Brexit-Referendum abstimmen zu lassen.

          Wer drehte das Ibiza-Video? : Ein Wiener Anwalt und seine Mandanten

          Das heimlich aufgenommene Video, das die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus die Karriere kostete und Österreichs Regierung zu Fall brachte, läuft inzwischen unter dem Rubrum „Ibiza-Gate“. Die Hinweise auf Mittelsmänner verdichten sich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.