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EU-Wahl : Macrons Spitzenkandidatin trat für Rechte an

  • Aktualisiert am

Nathalie Loiseau Anfang April bei einer Fernsehdebatte zur EU-Wahl. Bild: AFP

Nathalie Loiseau ist die Spitzenkandidatin der Partei von Emmanuel Macron für die EU-Wahl. Nun muss sie sich jedoch dafür rechtfertigen, dass sie einmal auf einer Wahlliste mit rechten Kandidaten stand. Eine „Jugendsünde“, sagt sie.

          Eine Frau soll dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron den Sieg gegen die Rechtspopulisten bei der Europawahl in rund einem Monat sichern – doch ausgerechnet wegen rechtsextremer Verbindungen ist die Spitzenkandidatin der Präsidentenpartei, Nathalie Loiseau, in die Kritik geraten. Als „Jugendsünde“ tut die 54 Jahre alte Politikerin ihre Kandidatur für eine rechtsextreme Gewerkschaft zu Studienzeiten ab. Dennoch kratzt der Vorfall an der Glaubwürdigkeit der Diplomatin, die zuletzt auch durch deutschlandkritische Äußerungen aufgefallen ist.

          Macrons Partei La République en Marche (LREM, Die Republik in Bewegung) kürte Loiseau Ende März zur Spitzenkandidatin. Für den Präsidenten führt sie den Wahlkampf unter dem Motto „Renaissance“ an. Damit fordert die vormalige Europaministerin die Rechtspopulisten von Marine Le Pens Nationaler Sammlungsbewegung heraus. Die frühere Front National ist im Europaparlament seit 2014 stärkste französische Kraft.

          Umso peinlicher ist deshalb die Enthüllung der bekannten französischen Internetplattform „Mediapart“: Loiseau kandidierte während ihres Studiums an der renommierten Pariser Universität Sciences Po 1984 für eine Liste mit Rechtsextremen. Eine „Dummheit“, wie die Tochter aus katholischem Hause nun eingesteht. Für Frankreichs Opposition hat sich die Diplomatin damit diskreditiert.

          In Berlin sorgen andere Äußerungen Loiseaus für hochgezogene Augenbrauen – insbesondere bei den Unionsparteien. In einer Rede vor Unternehmern sprach Macrons Kandidatin kürzlich von „europäischen Anführern, die bald gehen“, und dem „Mangel an Visionen“ in bestimmten Ländern. In Paris wurde dies als kaum verhüllte Attacke gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) interpretiert.

          Denn Macron liegt mit Merkel nicht nur beim Brexit über Kreuz, bei dem der Staatschef ein rasches Ausscheiden der Briten vorzieht, die Kanzlerin aber auf einen geordneten EU-Austritt dringt. Macron wirft Berlin laut Vertrauten auch vor, seine EU-Reformpläne ausgebremst zu haben.

          Auch mit Merkels Wunschnachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer dürfte sich das angeknackste deutsch-französische Verhältnis nicht dramatisch verbessern. Loiseau rechnete stellvertretend für Macron mit den jüngsten Vorstößen der CDU-Vorsitzenden zur Europapolitik ab. Auf Missfallen stößt im Elysée-Palast unter anderem ihre Ablehnung eines europaweiten Mindestlohns, den Macron fordert.

          Loiseau wies auch Kramp-Karrenbauers Forderung zurück, Frankreich solle den Europaparlaments-Sitz in Straßburg aufgeben, um der EU den kostspieligen Reisezirkus von und nach Brüssel zu ersparen. Der Sitz in Straßburg sei eine Frage des nationalen „Stolzes“, betonte Loiseau.

          Ihre diplomatische Zurückhaltung hat Loiseau für die Spitzenkandidatur abgelegt. Denn Macrons LREM will im EU-Parlament die Macht der Konservativen brechen und mit den Liberalen eine neue Gruppierung bilden.

          Dabei setzt Macron ganz auf Loiseau, die seinem Kabinett seit Juni 2017 fast zwei Jahre lang als Europaministerin angehörte. Zuvor leitete sie die Pariser Elitehochschule ENA, die sie anders als der Präsident aber nicht selbst besucht hat. Stattdessen studierte die junge Frau aus dem großbürgerlichen Pariser Westen Mandarin.

          Anschließend folgte eine Blitzkarriere im diplomatischen Dienst, für den sie nach eigenen Worten „auf allen fünf Kontinenten“ tätig war. Stationen hatte sie unter anderem in Indonesien, Marokko und in den Vereinigten Staaten.

          Zu einer nationalen Wahl stellte sich die Mutter von vier Söhnen nur ein einziges Mal: Im Jahr des Mauerfalls 1989. Bei der damaligen Europawahl holte sie für eine Splittergruppe gerade mal 0,17 Prozent der Stimmen. Dabei habe sie wohl das „Feuer der Jugend“ geritten, scherzt sie heute.

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