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Genforschung : Eine neue Ära?

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Vier Farben , vier DNA-Bausteine: Die Analyse einer Gensequenz. Bild: Gerald Barber, Virginia Tech University

Für die einen ist es ein „Gotteswerkzeug“, für die anderen der vermessene Versuch, „Gott zu spielen“: das genomchirurgische Verfahren CRISPR-Cas9. Eine Haltung des „Alles oder nichts“ ist den neuen Möglichkeiten nicht angemessen. Abzuwägen sind Chancen und Risiken.

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          Was sind die nächsten Mauern, die fallen?“ Danach fragt Jahr für Jahr in Berlin, jeweils am 9. November, die Konferenzserie „Falling Walls“. Sie ergründet, welche Mauern heute fallen müssen oder niedergelegt werden können. Am 9. November 2015 berichtete Emanuelle Charpentier, Direktorin am Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie, über die Mauer, die durch die Entwicklung eines genomchirurgischen Verfahrens überwunden werden soll, das den sperrigen Namen CRISPR-Cas9 trägt. Sie berichtete über das atemberaubende Tempo, in dem aus der Selbstverteidigung von Bakterien gegen Viren eine Methode abgeleitet wurde, präzise in ein Genom einzugreifen und es zu verändern. Revolutionär, so war die These, ist diese Methode nicht nur mit Blick auf das menschliche Genom. Von großer praktischer Bedeutung ist das Verfahren auch mit Blick auf Pflanzen und Tiere.

          Man hat diese Neuerung bereits als „die medizinische Entdeckung des Jahrhunderts“ bezeichnet. In populären Darstellungen wird sogar von einem „Gotteswerkzeug“, in anderen von einer „Zauberschere“ gesprochen. Wo eine wissenschaftliche Entdeckung mit derartigen Worten beschrieben wird, gerät das ethische Urteil leicht in den Sog gegenläufiger Deutungen. Sie oszillieren zwischen Mauerfall und Dammbruch, zwischen dem Aufbruch in eine neue Freiheit mit ihren ungeahnten Möglichkeiten und dem Abrutschen auf einer schiefen Ebene, auf der es kein Halten gibt. Euphorische Betrachtungsweisen steigern die Chancen des Neuen bis hin zu Heilsversprechen; apokalyptische Sichtweisen betrachten die Risiken als unabwendbares Unheil.

          Was die einen als „Gotteswerkzeug“ preisen, kritisieren die anderen als den vermessenen Versuch, „Gott zu spielen“. Im einen wie im andern Fall leitet dabei ein merkwürdiger Gottesbegriff die Deutung naturwissenschaftlicher Entdeckungen. Gott als Welt-Demiurgen zu verstehen, der mit dafür geeigneten Werkzeugen die Evolution kausal steuert, ist mit einem reflektierten Gottesverständnis kaum zu vereinbaren. Denn dieses zielt auf den Sinn der Welt als guter Schöpfung und auf die Bestimmung des Menschen, zu dieser Güte beizutragen. Die Mitgestaltung der Welt mit den Möglichkeiten menschlicher Erkenntnis entweder als Entdeckung eines Gotteswerkzeugs zu preisen oder umgekehrt deshalb zu begrenzen, weil der Mensch dadurch in eine kausal definierte Funktion Gottes eingreife, ist im einen wie im andern Fall verfehlt. Im einen Fall wird der euphorische, im andern der apokalyptische Zugang zu neuen wissenschaftlichen Möglichkeiten religiös gesteigert; die kritische Auseinandersetzung mit solchen Zugängen wird dadurch gerade blockiert.

          Leitend ist für beide Zugänge das Fortschrittsparadigma, bei den Apokalyptikern allerdings mit negativem Vorzeichen. Euphoriker und Apokalyptiker eint eine Haltung des Alles oder nichts. Eine ethische Reflexion über die Verantwortbarkeit menschlichen Verhaltens ist demgegenüber gut beraten, den Weg des Abwägens zu gehen. Abzuwägen sind Chancen und Risiken; zu bedenken sind die intendierten Ziele ebenso wie die beabsichtigten oder nicht beabsichtigten Folgen möglichen Handelns.

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